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	<title>Birgit Schönberger - freie Journalistin</title>
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	<description>freie Journalistin Print und Radio</description>
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		<title>Zen</title>
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		<pubDate>Sat, 12 Feb 2011 07:12:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Birgit Schönberger</dc:creator>
				<category><![CDATA[Lebensphilosophie]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich setze mich auf mein Kissen und stehe nach 25 Minuten wieder auf. Gestärkt und frisch. Der Tag kann kommen.
Stern gesund leben 10/2010]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.birgit-schoenberger.de/pdf/zen.pdf" title="Zen - pdf - 1 MB" target="_blank"><img class="pdf" src="http://www.birgit-schoenberger.de/graphics/pdf.png" alt="Zen - pdf - 1 MB" title="Zen - pdf - 1 MB" /></a></p>
<p class="info">
Der Himmel ist schwarzblau, die Luft frisch und kühl wie Pfefferminz. Ich stehe mit fünf Frauen und neun Männern auf dem Bootssteg der Fraueninsel und lausche. Die Chiemseewellen plätschern, der Wind rauscht durch die Bäume, Enten schnattern, der Holzsteg knarrt leise. Ich höre den Atem meiner Nachbarin, meinen Herzschlag und eine Stimme die in mir flüstert &#8220;Mein Gott, ist das schön.&#8221; Dann schlägt die Klosterglocke dreimal. &#8220;Nur hören&#8221; heißt unsere vierte Übung. In dieser Sekunde kann ich mir nichts Schöneres vorstellen, als im Winter im Morgengrauen mit geschlossenen Augen auf einem Bootssteg zu stehen.</p>
<p>erschienen in: <a href="http://www.stern.de/magazin/gesund-leben/" target="_blank" class="liexternal">Stern gesund leben 10/2010</a><br />
Text: Birgit Schönberger
<p class="print">Note: There is a print link embedded within this post, please visit this post to print it. | <a href="http://www.birgit-schoenberger.de/pdf/alte_liebe_rostet_doch.pdf" class="liinternal">Text als pdf</a></p>
<p><span class="textanfang">E</span>s ist Samstag, 5.45 Uhr. Bei der Übung am See ist mein Tag schon fast zwei Stunden alt. Um 4 Uhr hat der Wecker geklingelt. Um 4.30 Uhr saß ich in schwarzen Joggingkleidern reglos auf meinem Holzbänkchen in der Meditationshalle.<br />
Ein Zenseminar ist keine Wellnessveranstaltung. Aufrecht sitzen, Klappe halten, den Aus-Atem beobachten. Nicht bewegen. 25 Minuten lang. Auch wenn die Nase juckt oder der Fuß einschläft. Wenn die Glocke ertönt, ist fünf Minuten Pause, strecken, dehnen, gähnen, die Augen reiben, ein verstohlener Blick in das müde Gesicht gegenüber. Dann wieder sitzen. 25 Minuten lang. Viermal hintereinander.</p>
<p><span class="textanfang">M</span>an muss das wirklich wollen. Ohne Leidensdruck oder tiefe Sehnsucht gehl es nicht. Druck haben wir hier alle. Es ist der Spar-, Fusions- und Multitasking-Wahnsinn im Büro, der uns auf das Meditationsbänkchen treibt, die Anspannung im Körper und die Hoffnung, mithilfe der 2500 Jahre alten ostasiatischen Weisheitslehre den inneren Schlüssel zu finden für Gelassenheit, Klarheit, Konzentration.<br />
Zen-Leadership heißt das Seminar in der malerisch gelegenen Benediktinerinnenabtei Frauenwörth. Ein Wochenendtraining für Führungskräfte, Unternehmerinnen, für alle, die Verantwortung tragen. Im hektischen Alltag seine ureigene, unerschütterliche Mitte zu finden ist das Ziel, Zazen &#8211; Sitzen in Kraft und Stille &#8211; der Weg. &#8220;Im Chaos das Wesentliche erkennen, im Gefecht sein Herz bewahren und erkennen, dass es nur einen Gegner gibt, den es zu besiegen gilt: sich selbst&#8221;, heißt es in einem alten Text.</p>
<p><span class="textanfang">I</span>n meinem Gefecht steht es null zu fünf. Immer wieder verliere ich gegen mich. Mein Magen knurrt, die Knie schmerzen, unaufhörlich rattert die Maschine im Kopf. Noch zwei Stunden bis zum Frühstück. Wie soll ich das nur durchhalten? Der Weg zur Stille führt durch quälenden inneren Lärm. Wer kämpft hiereigentlich gegen wen? &#8220;Wenn ihr abgelenkt seid, kehrt einfach zum Aus-Atem zurück. Es gibt nichts zu tun. Nur ausatmen.&#8221; Wenn das so einfach wäre.<br />
Wann habe ich mich zum letzten Mal nur auf eine Sache konzentriert? Ich bin kein Meditationsneuling. Bereits mehrere Wochenenden habe ich schweigend nach innen spürend verbracht. Doch Zen ist neu für mich. Lange habe ich mich nicht getraut.</p>
<p><span class="textanfang">S</span>chon immer haben mich die Geschichten fasziniert und eingeschüchtert, in denen der Schüler zum Zenmeister kommt in der Erwartung, den Schlüssel zum Glück zu finden, und dann schallendes Gelächter erntet oder hochkant zur Tür hinausfliegt. &#8220;Üb weiter. In zehn Jahren sehen wir uns wieder.&#8221; Wie ermutigend!<br />
Zen, betonen die Meister, kann man nicht aus Büchern lernen, man muss es erfahren. Ich bin jetzt bereit, auch wenn mein Herz klopft und die Knie zittern beim Anblick des Seminarablaufs. Von Freitag, 16 Uhr bis Sonntag, 13.30 Uhr ist der Tag durchgehend strukturiert. &#8220;In der Zendo ist unbedingte Ruhe und Disziplin für alle einzuhalten&#8221;, steht im Programm.</p>
<p><span class="textanfang">Z</span>endo ist der Raum, in dem wir fast 14 Stunden verbringen. Zen heißt Stille, Do der Weg. Auf dem Holzfußboden liegen rechteckig angeordnet schwarze Matten. Jeder hat einen festen Platz. Vorne sitzt der Jiku, der Assistent des Zenmeisters, und achtet darauf, dass es still bleibt. Alles ist geregelt. Wie wir den Raum betreten, wie wir ihn verlassen, wie wir uns darin bewegen. Hintereinander, im Uhrzeigersinn. Zackig, mit festem Schritt. Die Hände auf der Körpermitte.<br />
Beim Betreten und Verlassen des Raumes eine Verbeugung. Wer schlurft, bekommt eine Ermahnung. Bin ich beim Militär? Mein kritischer Geist begehrt auf. Doch nach einer Weile spüre ich, wie entlastend die äußere Strenge ist.</p>
<p><span class="textanfang">I</span>ch beginne zu erahnen, was der Satz &#8220;Die äußere Form bestimmt die innere Form&#8221; bedeutet. Im Arbeitsalltag bin ich ständig hin und her gerissen: konzentriert an meinem Text arbeiten, Mails beantworten, Rechnungen schreiben, telefonieren, neue Ideen entwickeln, aufspringen und Tee kochen. Meine Energie zerstreut sich in alle Winde, nach zwei Stunden bin ich überdreht und kraftlos zugleich, weil die ständigen Unterbrechungen mich ermüden. Hier hingegen fließt alle Energie nur in eine Übung.<br />
Die Konzentration auf den Atem soll den Teufelskreislauf von Überspannung und Erschöpfung stoppen.<br />
&#8220;Mentale Muckibude&#8221; nennt Co-Trainer Helmut Rümke den Meditationsraum. &#8220;Wir haben eine Tankstelle für unser Auto, aber keine für uns selbst&#8221;, sagt er, der jahrelang als IT-Unternehmer sehr erfolgreich war, sich dabei aber selbst verloren und mithilfe der Zenmeditation wiedergefunden hat. &#8220;Zazen ist eine Möglichkeit aufzuranken, die eigenen Energien zu steuern und ein ausgewogenes Verhältnis von Anspannung und Entspannung zu finden.&#8221; Entspannung, Kraft, Achtsamkeit und Herzensweisheit sollen durch die Zenübung gestärkt werden. Das klingt verlockend.<br />
Doch vor der Qualität kommt die Qual.</p>
<p><span class="textanfang">N</span>ach mehreren Stunden Übung, in denen ich ein Wechselbad der Gefühle erlebe &#8211; Verzweiflung, Verzückung, Wachheit, Trägheit, Freude, Trauer, Wut -, spüre ich trotz Schlafmangel überraschend viel Kraft. Mein Bauch fühlt sich an wie ein Generator, der ständig Energie produziert. Durch die aufrechte Sitzhaltung und die Konzentration auf den Aus-Atem werde die Körpermitte, japanisch Hara genannt, gestärkt, erläutert die Zentrainerin Constanze Hofstaetter in einem Vortrag zwischen den Meditationsrunden.<br />
In unserem Bauchraum sitzt das enterische Nervensystem, auch &#8220;Bauchhirn&#8221; genannt. Es enthält mehr als 100 Millionen Neuronen. Rund 90 Prozent des Informationsaustausches läuft vom Bauchhim zum zentralen Nervensystem. Im Bauch sitzt also eine zweite Kommandozentrale, die oft kompetenter entscheidet als der Kopf, wie der Neurowissenschaftler <a href="http://www.cumc.columbia.edu/dept/gsas/anatomy/Faculty/Gershon/" target="_blank" class="liexternal">Michael Gershon</a>, Chef der Abteilung für Anatomie und Zellbiologie der Columbia University in New York, nachgewiesen hat.</p>
<p><span class="textanfang">D</span>ie alten Zenmönche kannten die &#8220;Weisheit des Bauches&#8221;, lange bevor die moderne Wissenschaft sie entdeckte. Das gefällt mir an Zen. Kein esoterischer Schnickschnack, kein Gerede von magischer Energie. Und doch gibt es magische Momente. Wenn der erste Lichtstrahl in die Meditationshalle fällt. Wenn der Klang der Silbe Mu (übersetzt &#8220;Nichts&#8221;) den Raum zum Vibrieren bringt. Wenn wir während der Teezeremonie den grünen Tee in vier Schlucken trinken, den ersten Schluck für Klarheit, den zweiten für Respekt, den dritten für Harmonie und den vierten für Stille.<br />
Wenn die Tür auffliegt und der Meister hereinfegt, jeder Schritt ein Statement für Kraft und Präsenz, er auf dem Kissen Platz nimmt und mit lauter, klarer Stimme eine Zengeschichte erzählt und interpretiert.<br />
Ich kann kaum ein Wort wiedergeben, und doch sind manche Sätze in mich hineingefallen wie Samenkörner, die erst an den Tagen nach dem Seminar aufgehen. Morgens auf dem Bahnsteig beim Warten auf die S-Bahn nehme ich plötzlich wahr, wie die rot glühende Sonne sich auf dem Hochhaus gegenüber spiegelt, rutsche für einen Moment aus der Zeit und empfinde ein tiefes Glück.</p>
<p><span class="textanfang">M</span>an muss nicht meditieren, um solche Momente zu erfahren. Doch durch die Innenschau erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, die Schönheit außen überhaupt zu bemerken. Wie oft hetze ich gesenkten Hauptes durch die Stadt, unterwegs zu meinem Ziel, und habe keine Augen für den Himmel oder für den Mond, der gerade aufgeht. Schlinge zwischen zwei Telefonaten ein Brötchen runter, ohne den Geschmack der Tomate auf dem Käse wahrzunehmen. Kein Wunder, dass ich kurz danach schon wieder Hunger habe. Es fehlt die Achtsamkeit. </p>
<p><span class="textanfang">W</span>ir frühstücken im Schweigen, verständigen uns verstohlen mit Blicken. Ich konzentriere mich ganz auf den süßen, aromatischen Reis mit Mandeln, Zimt, Kardamom und Safran. Das Essen ist ein Hochgenuss. Das liegt am Ayurveda-Koch Nicky Sitaram Sabnis und an der Stille. Kein Small Talk. Kein Abchecken: &#8220;Und was machen Sie so beruflich?&#8221; Der automatische Scanner, der abtastet, ob der andere besser, erfolgreicher oder interessant ist als beruflicher Kontakt, ist ausgeschaltet. Wenn der Mund geschlossen ist, öffnet sich das Herz. Erstaunlich, wie viel Nähe entsteht, wenn man sich morgens ohne Maskerade ins ungeschminkte Gesicht blickt.</p>
<p><span class="textanfang">U</span>nd was hat das alles mit meiner Arbeit zu tun? &#8220;Unabgelenktes, dynamisches Handeln ist der Schlüssel zu einem erfolgreichen Leben&#8221;, sagt <a href="http://www.zen-schule.de/lehrer/" target="_blank" class="liexternal">Zenmeister Hinnerk Polenski</a>. &#8220;Zen öffnet den Weg zur Führerschaft in uns selbst.&#8221; Es gehe darum, das Potenzial einer Situation zu erfassen und die beste Entscheidung zu treffen. Intuitiv. Der Verstand sei damit überfordert, die Weisheit des Bauches umfassender.<br />
Zwischen den Meditationen finden immer wieder kurze Einzelgespräche mit dem Zenmeister statt. Er erkundigt sich nach dem persönlichen Anliegen, schlägt eine passgenaue Meditation vor &#8211; es gibt insgesamt 108 -, fragt nach, wie es einem mit der Übung geht, greift unterstützend ein, muntert auf, stellt überraschende Fragen, gibt paradoxe Anweisungen.<br />
&#8220;Streng dich an, aber versuche, nichts zu erreichen.&#8221;<br />
Dieser Satz ist ein Koan, ein Zenrätsel, das nur durch Erfahrung gelöst werden kann.</p>
<p><span class="textanfang">D</span>er Satz begleitet mich auch nach dem Seminar, hilft mir die Mitte zu finden zwischen Anstrengung und Loslassen. Wenn ich aufgebe, passieren die erstaunlichsten Dinge, aber nur, wenn ich wirklich aufgebe, nicht nur so tue als ob und mich doch weiter anstrenge. &#8220;Das Entscheidende ist, dass ihr weiter übt. Jeden Morgen&#8221;, sagt der Meister zum Abschied.<br />
Wirklich jeden Morgen? Auch sonntags? &#8220;Zen ist keine Theorie, keine Vorstellung, es ist kein Wissen, sondern allein Praxis.&#8221; Bis vor zwei Wochen war es für mich undenkbar, noch früher aufzustehen, um zu meditieren. Ich tat mir sowieso schon leid, dass ich so ein hartes Los habe und in aller Herrgottsfrühe Schulbrote schmieren muss. Doch es ist erstaunlich leicht.</p>
<p><span class="textanfang">I</span>ch stehe einfach auf, setze mich auf mein Kissen und stehe nach 25 Minuten wieder auf. Gestärkt und frisch. Der Tag kann kommen. Und wenn im Büro die Wellen über mir zusammenschlagen, mache ich eine kurze Hara-Übung. Ich weiß, dass ich Durchhaltevermögen brauche. &#8220;Die Übung ist leicht, doch es ist schwer, ein Übender zu bleiben.&#8221; Im Moment habe ich großen Spaß daran, wieder Schülerin zu sein.</p>
<p><i>Mehr Informationen übef Zenseminare im Kloster der Abtei Frauenwörth finden Sie unter <a href="http://www.zen-leadership.de" target="_blank" class="liexternal">www.zen-leadership.de</a></i></p>
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		<title>Alte Liebe rostet doch</title>
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		<pubDate>Sat, 12 Feb 2011 06:19:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Birgit Schönberger</dc:creator>
				<category><![CDATA[Psychologie]]></category>

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		<description><![CDATA[Statt sich in ihrer Ehe mit kläglichen Kompromissen oder lauen Gefühlen zu arrangieren, wagen viele Frauen den Sprung in ein neues Leben - und nehmen dafür viel in Kauf.
erschienen in Brigitte Woman 10/2009]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.birgit-schoenberger.de/pdf/alte_liebe_rostet_doch.pdf" title="Alte Liebe rostet doch - pdf - 1,9 MB" target="_blank"><img class="pdf" title="Alte Liebe rostet doch - pdf - 1,9 MB" src="http://www.birgit-schoenberger.de/graphics/pdf.png" alt="Alte Liebe rostet doch - pdf - 1,9 MB" /></a></p>
<p class="info">Statt sich in ihrer Ehe mit kläglichen Kompromissen oder lauen Gefühlen zu arrangieren, wagen viele Frauen den Sprung in ein neues Leben &#8211; und nehmen dafür viel in Kauf.</p>
<p>erschienen in: <a href="http://woman.brigitte.de" target="_blank" class="liexternal">Brigitte Woman 10/2009</a><br />
Text: Birgit Schönberger</p>
<p class="print">Note: There is a print link embedded within this post, please visit this post to print it. | <a href="http://www.birgit-schoenberger.de/pdf/alte_liebe_rostet_doch.pdf" class="liinternal">Text als pdf</a></p>
<p><span class="textanfang">W</span>as willst du denn hier?&#8221; , fragte sie ihren Mann im mürrischen Ton, als er einen Tag früher als erwartet von einer Dienstreise nach Hause kam. Martina Grundmann * zuckte innerlich zusammen. Hatte sie das wirklich gesagt? Fand sie es tatsächlich schon so unerträglich, mit ihm unter einem Dach zu leben?  Die Antwort war erstaunlich einfach: Ja.<br />
Ihr Mann war entsetzt, packte seine Koffer und zog in ein Hotel. In diesem Moment realisierte die 51-Jährige, dass ihre Ehe nach 24 Jahren endgültig zu Ende war. Schon lange hatte sie das Gefühl, in der Beziehung zu ersticken, hatte immer wieder versucht, mit ihm darüber zu reden. Aber vergeblich. Ihr Mann blockte jedes &#8220;Problemgespräch&#8221; schon im Ansatz ab. Und jetzt verstand er die Welt nicht mehr.</p>
<p><span class="textanfang">S</span>ie waren doch immer das Vorzeigepaar gewesen: Heirat mit Mitte 20, drei Kinder, beide Ehepartner berufstätig, die Arbeit zu Hause teilten sie sich auf. Harmonie pur. Doch nach 20 Ehejahren begann sich ihr gemeinsames Leben zu verändern: Nacheinander zogen die Kinder aus, und Martina Grundmann nahm nach Jahren freiberuflicher Arbeit als IT-Trainerin eine feste Stelle an, war abends wieder regelmäßig zu Hause. Ihr Mann fand das wunderbar. Aber sie nicht. Sein größtes Glück bestand nämlich darin, gemeinsam mit ihr vor dem Fernseher zu sitzen. Irgendwann wollte sie nur noch raus. &#8220;Ich habe mich gefragt, was noch an gemeinsamer Substanz da ist&#8221; &#8211; und sie war erschüttert, als sie feststellte, &#8220;dass es da nichts mehr gab&#8221;.</p>
<p><span class="textanfang">V</span>ier Jahre lang quälte sie sich. Am Ende war die Sehnsucht, sich selbst und das Leben neu zu entdecken, stärker als der Schmerz, ihren Mann zu verlassen, und die Angst, allein dazustehen. Jede dritte Ehe in Deutschland endet vor dem Scheidungsrichter &#8211; diese Statistik ist nicht neu. Neu allerdings: Immer mehr Ehen zerbrechen heute kurz vor oder nach der Silberhochzeit. Die Zahl der Scheidungen ist bei älteren Paaren in den vergangenen sieben Jahren um 70 Prozent gestiegen. Alte Liebe rostet eben doch. Und mehrheitlich sind es die Frauen, die das nicht akzeptieren.<br />
&#8220;Männer arrangieren sich oft mit einer unerfüllten Ehe&#8221;, sagt Dr. Insa Fooken, Psychologieprofessorin an der Universität Siegen. &#8220;Frauen dagegen wollen klare Verhältnisse.&#8221; Es hat sich eben viel verändert. Für unsere Mütter war Scheidung noch ein Tabu.<br />
Klagte früher eine über ihre Ehe, hieß es nicht selten: &#8220;Er säuft nicht, er schlägt dich nicht. Was willst du mehr?&#8221; So genügsam sind die Frauen heute nicht mehr: Sie weigern sich, in kläglichen Kompromissen zu verharren.<br />
&#8220;Ich war Ehefrau, Trainerin und Mutter, aber ich wusste nicht, wer ich bin&#8221;, sagt Martina Grundmann.<br />
Den Entschluss, sich scheiden zulassen, hat sie keine Sekunde bereut. Obwohl es schrecklich war, die Familienwohnung allein auszuräumen und 24 gemeinsame Jahre zu entsorgen. Auch dass ihre jüngste Tochter auf die Trennung panisch und fassungslos reagierte und fürchtete, die Familie würde sich komplett auflösen, belastete sie enorm. Und trotzdem ist Martina Grundmann heute glücklich über ihr neues Leben ohne den Ehemann. &#8220;Ich halte das Ruder jetzt in der Hand und lasse mich immer wieder von mir selbst überraschen.&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">W</span>enn Menschen nach vielen Jahren den Schritt aus einer unglücklichen Ehe wagen, kann das viele Gründe haben. Psychologin <a href="http://www.uni-siegen.de/fb2/mitarbeiter/fooken/" target="_blank" class="liexternal">Insa Fooken</a> hat dazu 122 Scheidungspaare befragt, die im Schnitt 25 Jahre miteinander verheiratet waren, und herausgefunden, dass es typische Auslöser für eine späte Trennung gibt: wenn die Kinder aus dem Haus gehen und das Paar auf sich zurückgeworfen ist. Wenn einer arbeitslos wird oder in Rente geht und plötzlich rund um die Uhr zu Hause ist. Wenn ein Partner sich weiterentwickelt, der andere dagegen im alten Fahrwasser bleibt. Und wenn Paare sich erst nach Jahren eingestehen können, dass sie die ganze Zeit in einer Illusion von Gemeinsamkeit gelebt und Unvereinbarkeiten geleugnet haben.<br />
Katja Schmidt trennte sich nach 22 Jahren. Ohne Vertrauensbruch, ohne Eklat, ohne größere Erschütterung. Die 50-jährige Produktmanagerin und ihr Mann Thomas waren ein eingespieltes Team. Sie hatten eine schöne Wohnung, lebten ohne finanzielle Sorgen und fühlten sich aufgehoben in ihrem gemeinsamen Freundeskreis. Das Ende kam schleichend, von beiden unbemerkt. &#8220;Ich fühlte mich von ihm als Frau überhaupt nicht mehr wahrgenommen. Er hat mich zwar liebevoll bekocht, aber mir fehlte die Erotik.&#8221; Auf Partys war ihr Mann charmant, sprühend, zugewandt. Kaum waren sie allein zu Hause, blieb davon nichts mehr übrig. Lange glaubte sie, es läge an ihr. Weil sie eben nicht toll genug sei, um begehrt zu werden, nichts Besseres verdient habe. Gedanken, die sie heute absurd findet. Als sie das erste Mal an Trennung dachte, fühlte sie Panik in sich aufsteigen. &#8220;Ich hatte schreckliche Angst, allein zu sein.&#8221; Aber alle Versuche, über das zu sprechen, was sie in ihrer Partnerschaft vermisste, scheiterten. &#8220;Für Thomas war alles in Ordnung. Ihm hat nichts gefehlt.&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">D</span>er Hamburger Paartherapeut <a href="http://www.michaelcoellen.de/" target="_blank" class="liexternal">Michael Cöllen</a> begegnet in seiner Praxis täglich Ehemännern, die nicht verstehen, warum ihre Frauen unzufrieden sind und sich von ihnen zurückziehen: &#8220;Sie sind häufig vollkommen überrascht, wenn die Partnerin sie mit ihrer Unzufriedenheit konfrontiert. Viele finden den Weg zur Beratung erst, wenn die Frau schon beim Anwalt war.&#8221;<br />
Auch Katja Schmidt hat sich immer wieder arrangiert. Zehn Jahre dauerte es, bis sie wagte, den Schlussstrich zu ziehen. Der Auslöser war ein Jobangebot in einer anderen Stadt. Zwar hatten ihr Mann und sie sich gemeinsam für den Neuanfang entschieden, doch während der Umzug auf sie wie eine Vitaminspritze wirkte, fand er alles schrecklich. Er hatte anfangs noch keinen Job und ließ sie seine schlechte Laune täglich spüren. &#8220;Bei mir lief es richtig gut&#8221;, erzählt Katja Schmidt. &#8220;Zum ersten Mal fand ich neben dem Beruf Zeit, mich mit mir selbst zu beschäftigen, habe Seminare besucht, Reisen gemacht und mich weiterentwickelt.&#8221; Weil sie keine Lust mehr hatte, sich für jeden Workshop und jeden neuen Rock vor ihrem Mann zu rechtfertigen, forderte sie schließlich getrennte Konten und setzte sich durch &#8211; gegen seinen Widerstand. Ein Befreiungsschlag.<br />
Endlich konnte sie sagen: &#8220;Es ist mein Geld, und ich mache damit, was ich will.&#8221; Vorher hatte sie sich ständig kontrolliert gefühlt.</p>
<p><span class="textanfang">S</span>eit einem Jahr ist Katja Schmidt von ihrem Mann geschieden &#8211; und er fehlt ihr nicht. Genau wie Martina Grundmann freut sie sich immer wieder über ihren Mut und ist stolz darauf, dass sie ihr Leben jetzt allein meistert. &#8220;Es redet mir keiner mehr rein. Und das fühlt sich richtig gut an.&#8221;<br />
Anfangs war da ab und zu noch die Angst, nie wieder einen Partner zu finden, für immer allein leben zu müssen. Aber irgendwann sei ihr klar geworden, dass diese Gedanken sie in eine Sackgasse führten, und &#8220;seitdem sind sie verschwunden&#8221;.<br />
Schwerer wiegt für viele Frauen die Sorge ums Geld: Noch immer verdienen die meisten Ehefrauen weniger als ihre Männer. Und vor allem Frauen, die wegen der Familie ihren Beruf aufgegeben haben, fürchten &#8211; vielfach zu Recht -, bei einer Scheidung schlecht dazustehen.</p>
<p><span class="textanfang">M</span>aren Köhler musste nach der Trennung von ihrem Mann Klaus bei null anfangen. Als ihre erste Tochter auf die Welt kam, hatte sie ihren Job als Bankkauffrau gekündigt. Dass sie irgendwann allein mit drei Kindern dastehen würde und um einen Job kämpfen müsste, hätte sie sich nie träumen lassen. &#8220;Ich dachte, wir seien das ideale Paar: Ich war der Kopfmensch, er der Emotionale, ich war die Pragmatische, er der Künstler. Wir haben uns wunderbar ergänzt.&#8221; 22 Jahre lang hielt Maren Köhler ihre Beziehung für innig und stabil, selbst als das dritte Kind schwerstbehindert zur Welt kam. &#8220;Aber scheinbar haben wir es doch nicht so gut gepackt, wie ich dachte.&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">A</span>ls die älteste Tochter zwölf war, kam heraus, dass ihr Mann seit Monaten eine Geliebte hatte. &#8220;Ich fühlte mich entsetzlich.&#8221; Wie in Trance ging sie die nächsten Monate durch ihren Alltag. Er beteuerte, dass er sie über&#8217; alles liebe, mit einer Einschränkung: Es müsse einen kleinen Raum für die andere Frau geben. &#8220;Er wollte die Familie als sicheren Hafen und dazu eben noch ein Sahnehäubchen.&#8221; Maren Köhler war fassungslos. Der Gedanke, dass er sich im Atelier regelmäßig mit seiner Geliebten traf, machte sie fertig &#8211; von freier Liebe hatten sie schließlich nie gesprochen. Und ständig musste sie sich anhören, dass die andere berufstätig und interessant sei und sein Selbstbewusstsein aufbaue, das angeblich durch die Behinderung des jüngsten Kindes gelitten habe.<br />
Dreimal besuchten sie eine Paarberatung. Ohne Ergebnis. Es folgte ein quälendes Jahr voller Hin und Her: Die Geliebte machte Schluss, er wollte mit Maren zusammenbleiben, beteuerte, er habe sich für die Familie entschieden. Und dann traf er sich doch wieder mit der Geliebten.</p>
<p><span class="textanfang">A</span>m Weihnachtsabend erzählte er Maren von seinem größten Wunsch, &#8220;dass wir Frauen sogar beste Freundinnen werden&#8221;. Sie spürte eine ungeheure Wut. Und das war gut so. Endlich hatte sie die Kraft, ihn vor die Tür zu setzen. Und doch: &#8220;Die Trennung zu verarbeiten, empfand ich als schwerer, als damals mein behindertes Kind anzunehmen.&#8221; Ihr Mann zahlte zwar Unterhalt, aber  unzuverlässig. Das Geld einzuklagen, fand sie entwürdigend. Sie wollte auf eigenen Füßen stehen &#8211; auch im Beruf. Ihr alter Arbeitgeber winkte allerdings höflich ab. Sie war zu lange raus aus dem Bankgeschäft. Nach einigen Jobwechseln kam sie durch eine Urlaubsvertretung endlich zu ihrem Traumjob als Verlagssekretärin &#8211; da war sie 55.<br />
&#8220;Ich wusste plötzlich ganz genau, was ich wollte, und habe wie eine Löwin dafür gekämpft&#8221;, sagt Maren<br />
Köhler. Dass sie jetzt finanziell auf eigenen Beinen steht, macht sie stolz. Und dass sie heute mit ihrem Mann ganz ruhig reden kann, wenn sie ihn auf den Geburtstagen der Kinder trifft, auch. Denn inzwischen weiß sie, dass es richtig war, den Absprung zu wagen: &#8220;Ich habe einen wunderbaren Freundeskreis, ich bin viel offener als früher, gestalte mein Leben so, wie es mir Spaß macht und ich es mir leisten kann&#8221;, sagt sie. &#8220;Und das macht mich unglaublich zufrieden.&#8221;</p>
<p>* Namen der Ehepaare geändert</p>
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		<title>Kreativität kann man lernen</title>
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		<pubDate>Sat, 12 Feb 2011 05:46:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Birgit Schönberger</dc:creator>
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		<description><![CDATA["Mir ist noch nie was Gutes eingefallen. Die Welt ist voller Ideen von Menschen, die tausendmal begabter sind als ich. Ich bin zu alt für Neues."
erschienen in Psychologie heute 09/2009]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.birgit-schoenberger.de/pdf/kreativitaet_kann_man_lernen.pdf" title="Kreativität kann man lernen - pdf - 1,3 MB" target="_blank"><img class="pdf" title="Beste Verbindungen - pdf - 3,1 MB" src="http://www.birgit-schoenberger.de/graphics/pdf.png" alt="Beste Verbindungen - pdf - 3,1 MB" /></a></p>
<p class="info">&#8220;Mir ist noch nie was Gutes eingefallen. Die Welt ist voller Ideen von Menschen, die tausendmal begabter sind als ich. Ich bin zu alt für Neues.&#8221;<br />
Wenn Ihnen diese Einwände bekannt vorkommen, gehören Sie wohl zu den Menschen, die Kreativität für eine seltene Gabe halten. Schade. Denn jeder Mensch ist kreativ. Vorausgesetzt, er lässt diese natürliche Fähigkeit nicht verkümmern.</p>
<p>erschienen in: <a href="http://www.psychologie-heute.de" target="_blank" class="liexternal">Psychologie heute 09/2009</a><br />
Text: Birgit Schönberger</p>
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<p><span class="textanfang">W</span>enn ein Seminarleiter in einer Gruppe von Erwachsenen Papier und Stifte in die Mitte legt, kann er sicher sein, dass eine Welle des Entsetzens durch den Raum geht. Mindestens zwei Drittel der Teilnehmer stöhnen auf. &#8220;Malen? Ich? Bin ich Picasso?&#8221; &#8220;Schon in der Schule war ich eine Niete in Kunst.&#8221; &#8220;Als Gott die Fantasie verteilt hat, war ich wohl grade nicht da. Ich hab einfach kein Talent.&#8221;<br />
So lauten die häufigsten Kommentare.<br />
Doch wer sich selbst als unkreativ und fantasielos bezeichnet, sitzt einem Missverständnis auf, glaubt Peter Weil, Diplompsychologe und Geschäftsführer des <a href="http://www.iak.de/" target="_blank" class="liexternal">Instituts für Angewandte Kreativität in Köln</a>. &#8220;Wir machen heute den Fehler, dass wir Kreativität mit Kunst gleichsetzen.&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">D</span>ie meisten halten Kreativität für eine seltene Gabe, über die nur eine exklusive Minderheit verfügt. Dabei ist jeder Mensch auf seine Weise schöpferisch. Wir können nicht nicht kreativ sein. Die entscheidende Frage ist, ob wir diese natürliche Fähigkeit aktiv pflegen oder verkümmern lassen. &#8220;Kreativität bezieht sich nicht auf ein bestimmtes Themengebiet, sondern ist überall möglich, ob ich ein exotisches Gericht koche oder mir für mein finanzielles Problem eine neue Lösung einfallen lasse. Kreativ sein bedeutet, sich etwas anderes vorstellen zu können als das, was gerade ist&#8221;, sagt Peter Weil.<br />
Auch ein Maurer, dem es gelingt, eine Mauer mit weniger Steinen zu errichten, ist kreativ. Ebenso eine Hausfrau, die in der viel zu kleinen Küche durch ein intelligentes Ordnungssystem alles unterbringt.<br />
Peter Weil beobachtet, dass Kreativität häufig mit Innovation verwechselt wird. Auch das sei ein Grund dafür, dass viele ihr Licht unter den Scheffel stellen und sich als einfallslos bezeichnen.<br />
&#8220;Man sagt dann: Steve Jobs mit seinem iPhone ist kreativ, ich bin es nicht. Innovationen sind kreative Ideen, die so aufbereitet werden, dass sie in eine Geschäftsstrategie münden und in einen Businessplan passen.&#8221; Den Umkehrschluss Wem nichts bahnbrechend Neues einfällt, der ist auch nicht kreativ hält Peter Weil für falsch.</p>
<p><span class="textanfang">A</span>uch die amerikanische Kreativitätsforscherin Teresa Amabile glaubt, dass wir in unseren Vorstellungen von Kreativität viel zu eingeengt sind. Sie vergleicht Kreativsein gerne mit Eintopfkochen. Gleich einem guten Eintopf habe die Kreativität drei entscheidende Zutaten: Handwerk, kreative Denkfertigkeiten und Leidenschaft.<br />
Unter Handwerk versteht Amabile die Summe der Fertigkeiten, dank derer wir ein Gebiet beherrschen. Ohne<br />
handwerkliche Ausbildung scheitert auch das größte Talent. Kreative Denkfertigkeiten sind Verfahren, mit deren Hilfe wir neue Möglichkeiten entdecken und umsetzen können. &#8220;Sie sind wie die Gewürze und Kräuter, mit denen man den Geschmack der Grundzutaten eines Eintopfs erst richtig zur Geltung bringt.&#8221;<br />
Leidenschaft ist für Amabile das Feuer unter dem Suppentopf. Sie heize alles auf, vermische die Aromen und lasse ein köstliches Gericht entstehen.<br />
Doch wie kommt es, dass die meisten glauben, sie seien unfähig, Eintopf zu kochen, während gleichzeitig das KWort in fast jeder Stellenanzeige auftaucht und überall kreative Köpfe gesucht werden?</p>
<p><span class="textanfang">P</span>eter Weil hält Angst für den größten Gegenspieler von Kreativität.<br />
&#8220;Die Angst, Fehler zu machen, zu scheitern und schlecht dazustehen, ist in unserer Gesellschaft sehr verbreitet. Jeder will eine gute Figur abgeben. Und es gibt kollektive Normen, was in Ordnung ist und was nicht.&#8221; Die Konsequenz: Wir bleiben lieber auf vertrautem Terrain, tun die Dinge, wie wir sie immer getan haben, und überlassen das Neue und Verrückte den Künstlern. Wir lassen den Romanentwurf in der Schublade, schicken die Bewerbung nicht ab, verwerfen die neue Idee, unser altes Problem mal ganz anders zu lösen, ohne weitere Prüfung als unrealistisch. Beim Anführen von Gründen, warum wir jetzt unmöglich kreativ sein können, sind wir interessanterweise extrem fantasievoll. Der innere Kritiker läuft zur Hochform auf: Mir ist noch nie was Gutes eingefallen. Die Welt ist voll mit Büchern, Bildern und Geschäftsideen von Menschen, die tausendmal begabter sind als ich. Heute lohnt es sich nicht mehr anzufangen. Ich bin sowieso zu alt. Erst wenn ich es perfekt kann, fange ich an &#8230;</p>
<p><span class="textanfang">D</span>ie Liste der Einwände, die jedem Anflug von schöpferischem Elan den Garaus machen, ließe sich unendlich fortsetzen. Deshalb setzen Weil und seine Kollegen in ihren Kreativitätsseminaren für Privatpersonen, Teams und Organisationen auch nicht gleich bei Kreativitätstechniken wie Brainstorming, Clustering und Mindmapping an, sondern bei den Blockaden und Ängsten. Was passiert in meinem Kopf, wenn ich in eine ungewöhnliche Situation gerate? Was denke ich? Welche Gefühle kommen hoch? Werde ich wütend? Kriecht in mir die Angst hoch, mich furchtbar zu blamieren?<br />
Erstarre ich? Verlasse ich fluchtartig den Raum? Für Peter Weil sind das die entscheidenden Fragen, um sich<br />
selbst und dem eigenen Umgang mit Kreativität auf die Spur zu kommen. &#8220;Ein Mensch mit einer neuen Idee ist so lange ein Spinner, bis sich die Idee als erfolgreich erweist&#8221;, hat Mark Twain gesagt. Man könnte diesen Satz auch so übersetzen: ohne Risikofreude keine Kreativität. Peter Weil beobachtet, dass wir zunehmend risikoscheu werden und neue Gedanken sofort abwürgen. Zu verrückt, zu unrealistisch, zu teuer. &#8220;Viele sagen, ich versuche es nur dann, wenn ich sicher bin, dass ich mich nicht irre.&#8221;<br />
Doch mit dieser Einstellung könne nichts eues entstehen. &#8220;Scheitern ist Teil des kreativen Prozesses. Alle Menschen, die erfolgreich sind, haben sich vorher mindestens sechsmal geirrt und viele Stunden mit Qual und Frust verbracht, bis es endlich klick gemacht hat.&#8221;<br />
Dass man nur das Glück haben muss, im Morgengrauen von der Muse geküsst zu werden, und ansonsten nichts zu tun braucht, entspricht dem Mythos von der Inspiration, der sich hartnäckig hält. Thomas Edison wird der Satz nachgesagt: &#8220;Genie ist 1 Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration.&#8221; Kreativität sei zwar keine Hexerei, man könne aber auch nicht mal einfach nebenbei kreativ sein, meint Peter Weil. &#8220;Ich muss mich auf ein Thema einlassen, mit Achtsamkeit und Leidenschaft bei der Sache sein und Dinge in meinem Kopf verknüpfen, die scheinbar nicht zusammengehören.&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">B</span>egeisterung für die Sache hält Weil ebenfalls für entscheidend. &#8220;Ich kann nicht kreativ sein, wenn ich für ein Thema kein Feuer fange. Da nützt auch die beste Kreativtechnik nichts.&#8221;<br />
Angela Carell vom Institut für Arbeitswissenschaften der Ruhr-Universitäten Bochum und Dortmund hält<br />
Kreativität für eine Kompetenz, die man entwickeln und trainieren kann. Die Erziehungswissenschaftlerin<br />
ist zuständig für das <a href="http://www.imtm-iaw.rub.de/projekte/davinci/index.html" target="_blank" class="liexternal">Projekt Da Vinci</a>, in dem untersucht wird, unter welchen Voraussetzungen Kreativität an der Universität am besten gedeihen kann. &#8220;Wie können Denkarbeiter kreativ und fit für den internationalen Wettbewerb werden?&#8221;, lautet die Fragestellung. Am Projekt beteiligt sind auch das Hochschuldidaktische<br />
Zentrum der Technischen Universität Dortmund und das Institut für Angewandte Kreativität in Köln. Wissenschaft und praktische Erfahrungen aus dem Management sollen sich gegenseitig befruchten. Carells Forschungsschwerpunkt liegt auf Kreativität in Gruppen. Die Ergebnisse sind auch für Nichtakademiker interessant. Kreativität kann man nicht verordnen, wohl aber Rahmenbedingungen schaffen, in denen auch ungewöhnliche Ideen Chancen haben, angehört und umgesetzt zu werden. Damit Gruppen kreativ arbeiten können, müssen laut Carell folgende Regeln eingehalten werden:<br />
1. Die Gruppe sollte heterogen zusammengesetzt sein.<br />
Allerdings ist das nur dann erfolgversprechend, wenn die Teilnehmer diversity als Chance und nicht als Störung wahrnehmen. Der Mehrwert der Gruppenarbeit ergebe sich erst durch die Kooperation, kreative<br />
Lösungsansätze entstehen aus dem Zusammenspiel einer interdisziplinären Gruppe.<br />
2. Jedes Gruppenmitglied sollte unabhängig vom Status die gleichen Chancen haben, Ideen einzubringen. Der Vorschlag des Abteilungsleiters darf nicht qua Hierarchie mehr wert sein als die Idee der Sekretärin. Um das sicherzustellen, sollten Ideen anonym gesammelt und mit gleicher Ernsthaftigkeit diskutiert werden.<br />
3. Eine Gruppe sollte sich bewusst gerade mit den Lösungen und Ideen weiter beschäftigen, die als zu verrückt und unrealistisch verworfen werden, um zu verhindern, dass man sich wieder auf einen der klassischen Lösungsansätze einigt. Abwegig und skurril erscheinende Ideen verdienen es oft, genauer angeschaut zu werden, und führen manchmal zu interessanten Innovationen.<br />
4. Kreativität in Gruppen kann sich nur in einer offenen und vertrauensvollen Atmosphäre entfalten. Scheitern<br />
muss erlaubt sein. Der Arbeitsraum sollte den Charakter einer Werkstatt haben, in der ausprobiert, erprobt und skizziert werden darf. Es sollte genügend Bewegungsfreiheit im Raum geben und ausreichend Pausen, weil das Gehirn auch dann an der Lösung arbeitet, wenn es mit anderen Dingen beschäftigt ist.</p>
<p><span class="textanfanng">U</span>nd es dürfen auch mal die Fetzen fliegen. &#8220;Kreative Lösungen entstehen häufig in Situationen, in denen es nicht harmonisch und kuschelig zugeht, wo um eine Lösung gerungen und gestritten wird. Das bedeutet Konflikt. Man muss bereit sein, das Risiko des Scheiterns einzugehen. So kommen häufig die interessanteren Lösungen heraus&#8221;, sagt Angela Carell. Als Beispiel führt sie junge Unternehmen aus der Technomusikszene an, die keine Marktforschung betreiben, sondern den umgekehrten Weg gehen. Sie fragen nicht, was die Kunden wollen, sondern welche Veranstaltung ihnen selbst am meisten Spaß bereiten würde, und bieten sie dann an. Ähnlich funktioniert auch der Erfolg von Apple.<br />
Die Ingenieure in der Entwicklungsabteilung überlegen sich, welches Gerät sie selbst gerne haben würden, und nehmen die Wünsche vorweg, die die Kunden noch gar nicht haben. Zeit spielt eine entscheidende Rolle.<br />
&#8220;In dem Moment, in dem Ideen entwickelt werden, muss man so tun, als hätte man ganz viel Zeit und Freiraum.&#8221;<br />
Von vornherein Zeitdruck aufzubauen sei kontraproduktiv. &#8220;Die Teilnehmer sollen sich in einen Möglichkeitsraum<br />
hineinbegeben und ihren Gedanken freien Lauflassen. Dazu brauchen sie das Gefühl, keine Grenzen zu haben und alle Ideen artikulieren zu können.&#8221; Die wichtigste Regel laute: Quantität vor Qualität. Es könne sein, dass man 300 Ideen braucht, um eine neue Lösung zu finden. Diese Offenheit hält auch Peter Weil für entscheidend. Ideensprüherinnen, Tüftler, Realisten und Bedenkenträger müssten konstruktiv zusammenarbeiten. &#8220;Die Bedenkenträger sind ganz wichtig, um einer Idee Bodenhaftung zu geben. Wenn sie jedoch zu früh auftrumpfen, entsteht eine Blockade.&#8221; Das lässt sich auch auf den individuellen Umgang mit Ideen übertragen. Tritt der innere Kritiker sofort auf den Plan, geht gar nichts voran.</p>
<p><span class="textanfang">D</span>och was passiert, wenn die guten Ideen, die beim Kreativtreffen entstehen, später in der Schublade verschwinden und nie mehr hervorgeholt werden? Mittlerweile ist es chic, Mitarbeiter zum Ideenworkshop einzuladen. Bezeichnenderweise wollen viele beim dritten Termin nicht mehr mitmachen. Angela Carell glaubt, dass ein Unternehmen mit der Kreativität seiner Mitarbeiter sehr vorsichtig umgehen sollte. &#8220;Kreative Ideenfindung ist ein prekärer Prozess, den viele Führungskräfte unreflektiert anstoßen. Oft bekommen die Mitarbeiter noch nicht einmal ein Feedback zu ihrer Idee. Damit erreicht man, dass sie sich nicht mehr engagieren.&#8221; Carell weiß aus eigener Erfahrung, dass sich viele ihrer Kollegen im Wissenschaftsbetrieb nicht mehr mit Ideen einbringen wollen, weil sie nur befristet beschäftigt sind oder in Teilzeit arbeiten und die Erfahrung gemacht haben, dass ihre Ideen im Papierkorb landeten. Es gibt allerdings auch positive Gegenbeispiele. Beim Softwarehersteller SAP können die Mitarbeiter Projektideen einbringen. Hält das Unternehmen die Idee für interessant, bekommt man einen Zeitrahmen und ein Budget, sie auszuarbeiten oder weiterzuentwickeln.<br />
Carell hält es für entscheidend, dass Führungskräfte eine Mentalität vorleben, die vermittelt: Bei uns darf ausprobiert werden. Bei uns sind Fehler erlaubt. Wir nehmen die Ideen unserer Mitarbeiter ernst, setzen uns damit auseinander und greifen sie gegebenenfalls auf.</p>
<p><span class="textanfang">D</span>ie wichtigste Erkenntnis, die Angela Carell für sich persönlich aus dem Projekt Da Vinci gewonnen hat, ist, wie befreiend und bereichernd es sein kann, scheinbar Selbstverständliches systematisch zu hinterfragen. In langweiligen Sitzungen, wenn Beschlüsse verkündet werden, fragt sie: &#8220;Warum machen wir das so?&#8221; Dann entstehe erst Irritation und schließlich ein Freiraum, neu zu überlegen. Angeregt durch die Beschäftigung mit Kreativitätsstrategien, ermunterte sie ihre Kollegen, zwischendurch aufzustehen und durch den Raum zu gehen. &#8220;Wir sitzen als Informationsmanager immer am Laptop, und plötzlich muss man einen anderen Standpunkt einnehmen.&#8221;<br />
Das fanden alle so befreiend, dass sich die Projektmeetings langsam, aber sicher verändert haben. Hilfreich findet Carell vor allem die Kopfstandübung: Wenn einem lauter Dinge einfallen, die nicht funktionieren, kann man die Fragestellung umkehren und ähnlich wie beim Kopfstand aus einer neuen Perpektive betrachten. Zum Beispiel indem man sich fragt: Wie soll das Ergebnis auf gar keinen Fall aussehen? Wie wäre es, mit dem Ende anzufangen? Was sehe ich, wenn ich in die andere Richtung blicke?<br />
Aufs Privatleben übertragen: Wer sich seit Tagen erfolglos den Kopf über die Gestaltung der Geburtstagsfeier zerbricht, könnte sich fragen: Wie ruiniere ich die Party garantiert? Die Wahrscheinlichkeit, dass eine wunderbare Feier herauskommt, ist groß.</p>
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		<title>Beste Verbindungen</title>
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		<pubDate>Mon, 17 Jan 2011 06:17:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Birgit Schönberger</dc:creator>
				<category><![CDATA[Psychologie]]></category>

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		<description><![CDATA[Freunde geben Halt in schweren Zeiten und machen uns stark.
erschienen in: stern Gesund Leben]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.birgit-schoenberger.de/pdf/beste_verbindungen.pdf" title="Beste Verbindungen - pdf - 1,3 MB" target="_blank"><img class="pdf" src="http://www.birgit-schoenberger.de/graphics/pdf.png" alt="Beste Verbindungen - pdf - 1,3 MB" title="Beste Verbindungen - pdf - 1,3 MB" /></a></p>
<p class="info">
Freunde geben Halt in schweren Zeiten und machen uns stark.<br />
Und doch sind sie die Ersten, denen wir absagen, wenn der Aktenberg uns erdrückt &#8211; weil sie es ja verstehen. Warum tun wir uns das an?</p>
<p>erschienen in: <a href="http://www.stern.de/magazin/gesund-leben/" target="_blank" class="liexternal">Stern Gesund leben</a><br />
Text: Birgit Schönberger
<p class="print">Note: There is a print link embedded within this post, please visit this post to print it. | <a href="http://www.birgit-schoenberger.de/pdf/beste_verbindungen.pdf" class="liinternal">Text als pdf</a></p>
</p>
<p><span class="textanfang">J</span>ahrelang hatte er die beiden Schulfreunde aus Kiel nicht gesehen. In seinem Herzen hatten sie einen festen Platz, im Berliner Alltag nicht. Dann standen die zwei überraschend neben ihm, als er eine Schaufel Erde auf den Sarg seiner Mutter warf. Wenn Florian Grolman, 40, an diesen Moment vor zwei Jahren denkt, wird ihm warm ums Herz. &#8220;Es war ungeheuer tröstlich, dass sie mir zur Seite standen.&#8221;<br />
Loyalität ist das Wort, das ihm dazu einfällt. Treue. Sie warfen ihm nicht vor, dass er sich rar gemacht hatte. Sie waren gekommen, um ihn zu unterstützen. &#8220;Das werde ich nicht vergessen.&#8221;<br />
Oft stellt sich in Krisen heraus, ob unsere Freundschaften tragen. Weggefährten, mit denen wir nicht mehr<br />
gerechnet haben, tauchen auf. Andere, die wir fest eingeplant hatten, tauchen ab. Florian Grolman ist keiner, der sich mit einem großen Freundeskreis brüsten würde oder ständig zum Hörer greift. Der Organisationsberater ist auch gern allein. Doch &#8220;Freunde sind das Hinterland, die Basis, auf der mein soziales<br />
Wesen als Mensch aufbaut&#8221;.<br />
Schon oft hat sich Grolman ausgemalt, wie es wäre, auf die Kanaren zu ziehen. Doch wann immer er seinen<br />
Traumfilm ablaufen lässt, stoppt der innere Projektor an derselben Stelle: Das Licht ist zwar fantastisch, aber es fehlen die Freunde. &#8220;Mein Notebook hat eine Videokamera, aber die ersetzt nicht die wunderbaren Rotweinabende in Kreuzberg mit meinem Freund Martin.&#8221;<br />
&#8220;Freundschaften sind Schutzwälle, Kraftzentren und Modelle für menschliches Zusammenleben&#8221;, schreibt der<br />
Berliner Psychoanalytiker Horst Petri in seinem Buch &#8220;<a href="http://www.amazon.de/gp/product/3783125065?ie=UTF8&#038;tag=thrillsundmusikw&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3783125065" target="_blank" class="liexternal">Der Wert der Freundschaft</a>&#8220;.<br />
&#8220;Mit Freunden kann man die Feste der Freude feiern und die Trauer über alles Unglück teilen, kann Fremdheit<br />
durch Vertrautsein aufheben und die Lebensangst mildern.&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">E</span>s ist ein großes Glück zu wissen, dass es jemanden gibt, den man notfalls nachts anrufen kann und der dann mit Hühnersuppe und Taschentüchern vorbeikommt und einfach nur zuhört. Gute Freunde stärken das Selbstwertgefühl und das Immunsystem &#8211; das ist inzwischen sogar wissenschaftlich belegt.<br />
Doch welche Beziehung verdient das Prädikat Freundschaft? Freunde sind Menschen, die uns guttun, mit denen wir gern zusammen sind und über das, was uns bewegt, reden können, aber nicht müssen. In ihrer Gegenwart dürfen wir die Masken ablegen und uns fallen lassen. Wie befreiend!</p>
<p><span class="textanfang">D</span>ennoch sind Freunde die ersten, denen wir absagen, wenn der Aktenberg uns erdrückt &#8211; weil wir wissen, dass sie das verstehen. Das ist das Paradoxe: Freundschaft wird als höchstes Gut gepriesen und fristet doch ein Randdasein in unserem Leben. &#8220;Warum machen wir nicht ernst damit? Warum findet sie so selten zur Primetime unserer Lebenszeit statt?&#8221;, fragt Martin Hecht in seinem Buch &#8220;<a href="http://www.amazon.de/gp/product/3442154898?ie=UTF8&#038;tag=thrillsundmusikw&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3442154898" target="_blank" class="liexternal">Wahre Freunde</a>&#8220;.<br />
Martina Weber** kennt ihre Freundinnen seit Jahrzehnten. &#8220;Sie sind meine Wahlverwandtschaften, mein emotionaler Rückzugsraum&#8221;, sagt die 52-Jährige aus Kassel. Mit Claudia** hat sie sogar 22 Jahre lang zusammengewohnt. Als sie sich im Studium kennenlernten, dachte sie: &#8220;Die ist die Frau fürs Leben.&#8221; Anfangs<br />
sah sie nur die Gemeinsamkeiten, wollte so sein wie Claudia und fing deshalb sogar an, Gedichte zu schreiben.<br />
&#8220;Die Beziehung zu meiner Mutter war sehr symbiotisch, ich kannte nur Verschmelzung und Gleichklang, und<br />
das habe ich auch in Freundschaften gesucht&#8221;, sagt Martina Weber. Wenn Claudia sich verliebte, bekam Martina Angst, verlassen zu werden, und inszenierte &#8220;Dramen, die mir heute peinlich sind&#8221;.<br />
Doch auf diese Weise hat sie etwas über sich und ihre Abgründe herausgefunden und gelernt, auf eigenen Füßen zu stehen. &#8220;Claudia hat mich mit meinen Schattenseiten konfrontiert.&#8221; Als Martina sich aus Liebeskummer regelmäßig mit ein paar Flaschen Bier ins Bett verzog, sagte Claudia ihr klipp und klar: &#8220;Wenn<br />
du weiter so mit dir umgehst, können wir nicht mehr zusammenwohnen.&#8221; Für Martina ein heilsamer Schock: &#8220;Da habe ich verstanden, dass zu einer Freundschaft viel mehr gehört, als das Gleiche zu machen oder zu empfinden. Claudia hat mir Auseinandersetzung geboten.&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">M</span>änner betrachten es oft mit Verwunderung und Argwohn, wie innig die Liebste ihre beste Freundin umarmt und wie verstört sie ist, wenn der lang ersehnte Freundinnenabend nicht harmonisch verläuft &#8211; Frauenfreundschaften sind eine Sache für sich. Horst Petri hat beobachtet, dass &#8220;Frauen anfälliger sind für Enttäuschungen, weil sie sich von Freundschaft in weitaus größerem Maße abhängig machen als Männer&#8221;. Wenn es nicht gelingt, Nähe und Distanz, Egoismus und Rücksichtnahme in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen, kann eine Freundschaft zerbrechen.<br />
Gerade durch Zerreißproben können Freundschaften aber auch intensiver werden. Martina Weber hat diese Erfahrung gemacht. Ändert sich die Lebensform einer Freundin, muss sich alles neu finden. Als ihre Studienfreundin Suse** ein Baby bekam, verwickelten sich beide in Streitereien, die zum Kontaktabbruch<br />
führten. Ein halbes Jahr später stand Suse plötzlich mit ihrem einjährigen Sohn vor Martinas Tür. &#8220;Es hat sie<br />
sicher viel Mut gekostet, diesen Schritt zu machen. Ich war begeistert von ihrem Sohn und habe jahrelang einen Nachmittag die Woche mit ihm verbracht.&#8221;<br />
Doch als Weber wegen wichtiger Arbeitstermine eine geplante Fahrradtour absagte, brach Suse den Kontakt ab. &#8220;Sie hat mich in Briefen und Telefonaten ihre Wut und ihren Ärger spüren lassen&#8221;, erinnert sich Weber. &#8220;Irgendwann wurde mir das zu viel. Ich hatte aber das Vertrauen, dass wir das wieder hinkriegen. Durch die Auseinandersetzung hat sich die Beziehung letztendlich vertieft.&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">M</span>al sind wir in der Rolle des Verletzlichen; Bedürftigen, der mehr braucht, als der Freund oder die Freundin geben kann und will. Mal pochen wir auf Abstand und wehren Ansprüche ab. Im Idealfall werden wir mit zunehmender Lebenserfahrung reifer und realistischer. &#8220;Ich weiß jetzt, dass nicht jeder Freund für alles da ist&#8221;, sagt Florian Grolman. &#8220;Und dass man auch mal Distanz aushalten muss.&#8221; Ein Freund ist keine Tankstelle, die immer geöffnet ist. Manchmal hängt das Schild &#8220;Geschlossen&#8221; an der Zapfsäule. &#8220;Dann steht man dumm in der Landschaft und fragt sich, wo man seinen Sprit herbekommt&#8221;, sagt Grolman. Einen wichtigen Freund hat er während einer schmerzhaften Trennung verloren. Nächtelang hatten sie geredet, irgendwann sagte sein Freund: &#8220;Ich kann nicht mehr.&#8221; Im Nachhinein kann Grolman ihn verstehen. Wehgetan hat es trotzdem.</p>
<p><span class="textanfang">D</span>ie häufigste Ursache für Krisen und das Ende von Freundschaften ist, dass die biografischen Entwicklungen auseinanderdriften. Die eine macht Abitur, die andere mittlere Reife. Der eine bastelt zielstrebig an seiner Karriere, der andere schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Die eine heiratet und bekommt Kinder, die andere führt ihr Singleleben fort. &#8220;Einschneidende Ereignisse wie Heirat und Kinderkriegen sind eine Herausforderung, weil sie oft Neid, Eifersucht und Rivalität auslösen&#8221;, sagt Horst Petri.<br />
Martina Weber erinnert sich noch gut an den Moment, als Suse ihr von ihren Hochzeitsplänen erzählte. &#8220;Ich bin in Tränen ausgebrochen und musste durch einen Abschiedsprozess durch. Erst danach konnte ich sehen, dass mich ihr neues Leben bereichert.&#8221; Heute findet Weber es wunderbar, dass zwei ihrer Freundinnen Kinder haben. Oft werden die unangenehmen Gefühle unter den Teppich gekehrt.<br />
Wer will sich schon eingestehen, dass der Karrieresprung des Studiengefährten oder die Schwangerschaft der<br />
Busenfreundin quälende Neidgefühle auslösen?<br />
Auch veränderte Weltanschauungen können zu Entfremdung oder zum Bruch führen. Horst Petri etwa hat darunter gelitten, dass einige Freunde, mit denen er früher in der Friedens- und Ökologiebewegung<br />
aktiv war, politisch &#8220;reihenweise umgekippt sind&#8221;.</p>
<p><span class="textanfang">H</span>anna Sostak, Betreiberin der Agentur Jobshop Berlin und alleinerziehende Mutter von zwei inzwischen erwachsenen Kindern, braucht in ihren Freundschaften viel Freiraum. Ihr ist es nicht wichtig, ständig zu telefonieren oder zu schreiben. &#8220;Bei mir können auch mal drei oder vier Jahre Stillschweigen sein, und ich fühle mich trotzdem noch im Kontakt. Mir reicht es eigentlich, wenn wir ab und zu aneinander denken.&#8221; Sie findet es schrecklich, wenn aus den Treffen ein Pflichtprogramm wird, das man absolvieren muss wie das Geburtstagskaffeetrinken bei Tante Erna. Eine &#8220;Pflegekultur&#8221; mit regelmäßigen Abendessen, Telefonaten und Karten aus dem Urlaub lehnt sie ab.</p>
<p>Mit dieser Haltung enttäuscht sie manche. &#8220;Sie finden mich zu unverbindlich.&#8221; Sie selbst hält sich für absolut verbindlich. &#8220;Meine Freundschaften zeichnet aus, dass sie lange Zeiträume überbrücken und wir uns in verschiedenen Lebensphasen neu begegnen können. Das fühlt sich dann sehr jung und ursprünglich<br />
an.&#8221;<br />
Ihre Freundin Maren hat sie kennengelernt, als beide Au-pair-Mädchen in den USA waren. Immer wieder haben<br />
sich ihre Lebensfäden miteinander verwoben. Beide wurden zur gleichen Zeit schwanger. Es gab gemeinsame Urlaube mit den Kindern, Phasen mit intensivem Kontakt und immer wieder Pausen dazwischen. &#8220;Jetzt sind unsere Kinder bald aus dem Haus. Kürzlich sind wir nach fünf Jahren wieder zusammengekommen. Es war, als hätte keine Zeit dazwischengelegen.</p>
<p><span class="textanfang">F</span>üür Hanna Sostak ist Verbindlichkeit eine Frage der Sichtweise. &#8220;Sind regelmäßige Rituale und Termine die Basis? Oder gibt es unabhängig eine Art Grundfeste?&#8221; Sie findet, dass eine Freundschaft wie ein drittes Wesen ist. Ein eigener Raum, dessen man sich nicht dauernd vergewissern muss. Wenn es darauf ankommt, ist sie da. Ihre Freunde umgekehrt auch. &#8220;In Krisen erinnern mich Freunde daran, wer ich im Innersten bin. Sie erlauben es nicht, dass ich schlecht mit mir umgehe. Dann heißt es: Wenn du nicht sofort damit aufhörst, setze ich mich in den Flieger und komme.&#8221; Albert Einstein hat das so ausgedrückt: &#8220;Ein Freund ist jemand, der die Melodie deines Herzens kennt und sie dir vorspielt, wenn du sie vergessen hast.&#8221;<br />
Welch hervorragende Krisenhelfer Freunde sein können, hat auch Stefan Fuchs erfahren. Als der Leipziger Mathematiker und Organisationsentwickler mit seiner Selbstständigkeit zu scheitern drohte, bot ihm ein Freund überraschend finanzielle Unterstützung an. &#8220;Damit hat er mir vermittelt, dass er an mich glaubt und sich freut, wenn ich mich weiterentwickle. Das war wunderbar.&#8221;<br />
In jüngster Zeit ist dem 44-Jährigen schmerzlich bewusst geworden, wie sehr er einige Freundschaften vernachlässigt hat. Fuchs lebt in einer Patchworkfamilie mit sechs Kindern. Seine Bürotage sind lang. Vor lauter Arbeit und Familie hat er sich in den vergangenen Jahren kaum noch verabredet. &#8220;Wenn ich einen Freund getroffen habe, war es schön, aber die Schwelle, mich nach einem langen Tag noch aufzuraffen, wurde immer größer.&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">O</span>ft hat er sich mehr nach Stille gesehnt als nach Austausch. Dabei findet er es schön, ein Wochenende gemeinsam zu paddeln oder einen Abend in der Kneipe zu verbringen und dabei die wichtigen Themen zu besprechen. Zum Beispiel, was Mannsein bedeutet und was man den Söhnen mitgeben will. Er war gerührt und stolz, als ein Freund ihn bat, Pate zu werden. &#8220;Damit hat er mir gezeigt, wie wichtig es ihm ist, dass ich etwas zur Entwicklung seines Sohnes beitrage.&#8221;<br />
Ihm gefällt auch, wie seine Freunde das Leben seiner Söhne bereichern. &#8220;Ich kann mich als Vater ein bisschen<br />
zurücklehnen, weil ich ihnen noch andere männliche Vorbilder anbieten kann, die Eigenschaften haben, die inir<br />
fehlen.&#8221; Trotz dieser engen Verbindungen wird Stefan Fuchs beim Thema Freundschaft melancholisch: Er wisse nicht, ob er die Fäden einfach wieder aufnehmen könne nach so vielen Jahren, in denen er mit anderem beschäftigt war.</p>
<p><span class="textanfang">H</span>orst Petri hält die gemeinsam verbrachte Zeit für nicht entscheidend. &#8220;Ein Freund ist ja nicht nur eine äußere Figur, mit der ich ins Kino gehe, sondern ich habe ihn verinnerlicht. Er ist präsent, auch wenn er äußerlich gerade nicht verfügbar ist.&#8221; Das erklärt, warum man einen alten Freund mitunter nach 20 Jahren auf der Straße treffen und nahtlos anknüpfen kann, als sei in der Zwischenzeit nichts passiert. Wichtig sei die<br />
innere Kontinuität. Wie oft denke ich an den anderen?<br />
Je brüchiger die Familienbande und je härter der Konkurrenzkampf im Job, desto wichtiger werden Freundschaften als Schutzbündnisse und Kraftorte. Umso mehr schmerzt es, wenn sie fehlen. Und umso schöner, wenn sich unerwartet jemand meldet, mit dem man nicht mehr gerechnet hat. An Martina Webers 50. Geburtstag tauchte ein Freund wieder auf, den sie seit ihrem neunten Lebensjahr kennt. &#8220;Wir haben uns ganz neu wiedergefunden.&#8221;<br />
Das ist das Schöne an Freundschaften: dass sie sich wandeln und reifen und immer wieder für eine Überraschung gut sind.</p>
<p>** Name von der Redaktion geändert</p>
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		<title>Gewaltfreie Kommunikation</title>
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		<pubDate>Wed, 05 Jan 2011 18:18:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Birgit Schönberger</dc:creator>
				<category><![CDATA[Psychologie]]></category>

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		<description><![CDATA[der Schlüssel für eine effektive Konfliktlösung? 
erschienen in: Psychologie Heute 01/2010]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.birgit-schoenberger.de/pdf/gewaltfreie_kommunikation.pdf" title="Gewaltfreie Kommunikation - pdf - 1 MB" target="_blank"><img class="pdf" src="http://www.birgit-schoenberger.de/graphics/pdf.png" alt="Gewaltfreie Kommunikation - pdf - 1 MB" title="Gewaltfreie Kommunikation - pdf - 1 MB" /></a></p>
<p class="info">der Schlüssel für eine effektive Konfliktlösung?</p>
<p>Als &#8220;Sprache der Empathie&#8221; bezeichnet der amerikanische Psychologe Marshall B. Rosenberg sein Kommunikationsmodell. Hinter jedem Konflikt, so seine Grundannahme, stehen unerfüllte Bedürfnisse, wie beispielsweise das Bedürfnis nach Wertschätzung, Respekt, Autonomie und Verständnis. Wird das jeweilige Bedürfnis erkannt, formuliert und vom Gegenüber verstanden, führt das laut Rosenberg zur Deeskalation.</p>
<p>erschienen in: <a href="http://www.psychologie-heute.de" target="_blank" class="liexternal">Psychologie heute 01/2010</a><br />
Text: Birgit Schönberger
<p class="print">Note: There is a print link embedded within this post, please visit this post to print it. | <a href="http://www.birgit-schoenberger.de/pdf/gewaltfreie_kommunikation.pdf" class="liinternal">Text als pdf</a></p>
<p><span class="textanfang">A</span>rbeiten könnte so schön sein, wenn die nervige Kollegin mit der schrillen Stimme nicht wäre und der unfähige Chef endlich abgesägt würde. So oder ähnlich denken viele, wenn sie am Montagmorgen das Büro betreten. Nicht umsonst sind die Vorabendserien im Fernsehen voll mit Bürointrigen. Bücher wie Wer Kollegen hat, braucht keine Feinde mehr finden reißenden Absatz. Etwa 70000 Stunden unseres Lebens verbringen wir am Arbeitsplatz.<br />
Um halbwegs flüssig, effektiv und freudig zu arbeiten, sind wir auf eine funktionierende Kommunikation mit Vorgesetzten, Kollegen und Kunden angewiesen.<br />
Doch je größer der Druck, desto rauer das Klima. &#8220;Wolfssprache&#8221; nennt der amerikanische Psychologe und Konfliktmediator Marshall B. Rosenberg die destruktive Art der Kommunikation, bei der ein Kontrahent den anderen abwertet, ihm niedere Motive unterstellt und Vorwürfe macht. Als Gegenmodell hat Rosenberg in den 1960er Jahren die gewaltfreie Kommunikation (GFK) entwickelt, die er auch als &#8220;Sprache der Einfühlsamkeit&#8221; bezeichnet. Mittlerweile wird diese Methode in Mediationen, Konfliktmoderationen und Führungskräftetrainings angewendet.</p>
<p><span class="textanfang">D</span>ie gewaltfreie Kommunikation steht in der Tradition der klientenzentrierten Gesprächstherapie, die von Carl Rogers entwickelt wurde. Rosenberg war jahrelang Rogers&#8217; Schüler und später sein persönlicher Assistent und entwickelte dessen Ansatz weiter. Während bei Rogers das aktive Zuhören im Mittelpunkt stand, geht es Rosenberg um einfühlsames Hören und Sprechen und um eine veränderte Grundhaltung in Auseinandersetzungen. Rosenberg sieht Konflikte als tragischen Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse. Als goldenen Schlüssel für eine effektive Konfliktlösung bezeichnet er Empathie, die Fähigkeit, sich einzufühlen.<br />
Hinter jedem Konflikt, lautet seine Grundannahme, stehen menschliche Bedürfnisse, die legitim und wichtig sind. Wie beispielsweise das Bedürfnis nach Wertschätzung, Respekt, Autonomie und Verständnis. Wird das hinter einem Konflikt stehende Bedürfnis erkannt, formuliert und vom Gegenüber verstanden, führt das laut Rosenberg zur Deeskalation.<br />
Statt den Kollegen anzublaffen: &#8220;Du bist ja schon wieder zu spät dran. Nie kommst du pünktlich rüber mit deinen Unterlagen. Du machst mich wahnsinnig mit deiner Schlamperei&#8221;, geht es in der gewaltfreien Kommunikation darum, in vier Schritten offen seine Beobachtungen, Gefühle, Bedürfnisse und Bitten mitzuteilen.<br />
Gewaltfreie Kommunikation nach Lehrbuch funktioniert so:</p>
<ol>
1. Ich beschreibe ohne Schuldzuweisung und Verurteilung, welches Verhalten ich beobachtet habe.<br />
2. Ich spreche über das Gefühl, das dieses Verhalten in mir weckt.<br />
3. Ich benenne das dahinterliegende Bedürfnis.<br />
4. Ich formuliere eine Bitte, was genau ich vom anderen möchte, um mein Bedürfnis zu befriedigen.</ol>
<p><span class="textanfang">D</span>er erste Schritt klingt simpel, hat es aber in sich. Es geht um die Frage, was &#8211; wertfrei gesehen &#8211; passiert ist. &#8220;Du hattest mir zugesagt, das Positionspapier bis spätestens heute Morgen zu schicken. Ich habe es bis jetzt nicht bekommen.&#8221;<br />
Im zweiten Schritt wird das Gefühl benannt. Zum Beispiel &#8220;Ich bin verunsichert&#8221; oder &#8220;Ich bin irritiert&#8221;.<br />
Die Organisationsentwicklerin und Mediatorin <a href="http://www.bmc-germany.de/german/team/oboth_monika.html" target="_blank" class="liexternal">Monika Oboth</a>, die Leiterin des Business Mediation Center in Königswinter, hält es für wesentlich, dass die Gefühle, die bei jedem Konflikt im Spiel sind, auch wenn alle Beteiligten sie leugnen, offengelegt werden.<br />
Die gewaltfreie Kommunikation unterscheidet zwischen Primärgefühlen und Sekundär- oder Pseudogefühlen. &#8220;Ich fühle mich provoziert&#8221; ist laut Rosenberg ein Pseudogefühl, weil es ein Urteil über die andere Person beinhaltet. Unter Primärgefühlen versteht er Emotionen, die körperlich spürbar sind: Angst, Müdigkeit, Freude, Erschöpfung, Erregung, Entspannung.<br />
Monika Oboth findet diese Unterscheidung in heiklen Gesprächen hilfreich. Es mache einen großen Unterschied, ob jemand in1 Konflikt über echte Gefühle spricht oder sein Gegenüber mit moralischen Urteilen und Pauschalvorwürfen angreift. &#8220;Werden echte Gefühle ausgedrückt, entspannt sich die Situation ganz schnell. Bei Vorwürfen schaltet die andere Seite auf Abwehr&#8221;, sagt Monika Oboth. Im dritten Schritt werden Vorwürfe in Bedürfnisse übersetzt. &#8220;Ich brauche Verlässlichkeit bei der Zusammenarbeit.&#8221;<br />
Dahinter steht die Grundannahme, dass jeder grundsätzlich bereit ist, zum Wohlbefinden des anderen beizutragen, wenn seine eigenen Bedürfnisse befriedigt werden. Da alle dieselben Grundbedürfnisse haben und sich an1 Arbeitsplatz Klarheit, Verlässlichkeit, Austausch und Anerkennung wünschen, mache das Sprechen darüber den Weg für konstruktive Lösungen frei. Der letzte Schritt ist die konkrete Bitte. Wobei darauf zu achten ist, dass aus der Bitte keine Forderung wird. Der entscheidende Unterschied ist: Eine Bitte kann man abschlagen, eine Forderung beinhaltet Sanktionen. &#8220;Bitte halte in Zukunft deine Termine ein, oder sag mir rechtzeitig Bescheid, wenn sich dein Zeitplan verändert. Rechtzeitig heißt für mich drei Tage vorher. Bist du dazu bereit?&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">U</span>m den Ansatz plastisch zu machen, arbeitet Marshall Rosenberg in seinen Vorträgen mit zwei Handpuppen. Die Giraffe verkörpert das Prinzip der gewaltfreien Kommunikation, der Wolf steht für die Sprache, die verletzt, droht, beleidigt und beschämt. Ziel der GFK ist, die Giraffensprache zu erlernen. Rosenberg vergleicht die Beschäftigung mit gewaltfreier Kommunikation mit dem Erlernen einer Fremdsprache. Nur wer regelmäßig übt, kann sich irgendwann flüssig ausdrücken.  Unsere Sprachmuster seien so von Wolfssprache, von Verteidigung, Rückzug und Angriff geprägt, dass es einiger Anstrengung bedarf, anders zu sprechen und zu hören.<br />
Die Sehnsucht, diese neue Sprache zu sprechen, ist groß. Auch in Berufsfeldern, in denen Gefühle eher tabu sind, wo ein rauer Umgangston herrscht und in Befehlen und Anordnungen kommuniziert wird. Doch wird eine Chefin, die über ihre Gefühle und Bedürfnisse spricht, überhaupt ernst genommen?<br />
Die Mediatorin Monika Oboth hält die Wortwahl für entscheidend. Sie würde keiner Führungskraft empfehlen zu sagen: &#8220;Ich bin traurig.&#8221; In Seminaren hat sie ausgetestet, welche Formulierungen gut ankommen und respektiert werden, und empfiehlt Formulierungen wie &#8220;Ich bin befremdet&#8221;, &#8220;Ich bin irritiert&#8221; oder &#8220;Ich fühle mich unwohl mit Ihrer Entscheidung&#8221;.</p>
<p><span class="textanfang">G</span>ewaltfreie Kommunikation soll helfen, aus gewohnten Reaktionsmustern, die die Fronten nur verhärten, auszusteigen und sich für eine Lösung zu öffnen, die die Bedürfnisse aller Beteiligten berücksichtigt, auch die des Unternehmens oder der Organisation.  Doch wie groß ist die Bereitschaft in einem Betrieb, Verständnis für die Bedürfnisse anderer zu entwickeln? Der Neu-Ulmer Diplomingenieur <a href="http://www.syn-thesis.de" target="_blank" class="liexternal">Hans-Ulrich Streit</a>, der als Mediator, systemischer Coach und Unternehmensberater arbeitet, findet das Vierschrittemodell der gewaltfreien Kommunikation grundsätzlich sehr gut, hält es jedoch im beruflichen Alltag nur für begrenzt praktikabel.<br />
&#8220;Wenn Sie in einer eher sachlich orientierten Arbeitswelt auf einmal über Gefühle sprechen, wirkt das sehr ungewohnt. Es braucht eine hohe Transferleistung, um den Boden dafür zu bereiten, dass es überhaupt möglich wird, Gefühle offen zu zeigen&#8221;, glaubt Streit. In einer hitzigen Auseinandersetzung im Büro sei es nicht leicht, klar zu benennen, welches Bedürfnis hinter dem Konflikt steht. Dieses Problem lösen viele Teilnehmer von GFK-Seminaren, indem sie mit Worttabellen arbeiten, auf denen Gefühle und Bedürfnisse aufgelistet sind. Hans-Ulrich Streit befremdet diese Vorgehensweise: &#8220;Die starke Konzentration darauf, den richtigen Ausdruck zu finden, führt dazu, dass der spontane Ausdruck verlorengeht.&#8221;<br />
Rosenberg selbst betont immer wieder, gewaltfreie Kommunikation dürfe nicht als Werkzeug oder Technik verstanden werden, es komme vielmehr auf die innere Haltung an. Streit findet Rosenbergs Aussagen in diesem Punkt widersprüchlich: &#8220;Bei einer guten und wirkungsvollen Kommunikation kommt es mir vor allem auf Authentizität an. Ich habe jedoch den Eindruck, dass GFK-Teilnehmer vor allem den sprachlichen Ausdruck üben.&#8221;<br />
Rosenbergs Sicht auf Konflikte erscheint dem Unternehmensberater wertvoll. Auch er beobachtet, dass in scheinbar sachlichen Auseinandersetzungen Gefühle einen großen Einfluss haben, jedoch meistens ausgeblendet werden. &#8220;In allen Konflikten, die nicht auf Anhieb lösbar sind spielen emotionale Hintergründe in der Regel eine große Rolle. Darüber sollten sich die Menschen viel bewusster sein. Gewaltfreie Kommunikation ist jedoch für die meisten zu schwierig.&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">E</span>in weiterer Kritikpunkt ist aus Streits Sicht, dass die Anhänger der gewaltfreien Kommunikation davon ausgehen, es gäbe eine &#8220;richtige&#8221; Form der Kommunikation. Als Systemiker stellt er das infrage. Das Modell reduziert die Kommunikation in seinen Augen auf ein einfaches Sender-und-Empfänger-Modell. Er bemängelt auch, dass das Modell trotz hervorragender Ansätze oft humorlos und steif erscheint. &#8220;Die Auseinandersetzung mit der eigenen Gefühlswelt ist wichtig, sie sollte jedoch weniger formalisiert sein.&#8221;  Außerdem findet er den Begriff gewaltfreie Kommunikation im beruflichen Kontext ungünstig, weil er impliziert, dass jeder, der diese Methode nicht anwendet, gewalttätig kommuniziert.<br />
&#8220;Ich würde eher von achtsamer Kommunikation sprechen.&#8221; Man müsse auch aufpassen, dass dieses Modell nicht von gewieften Mikropolitikern in Unternehmen zu manipulativen Zwecken eingesetzt wird. &#8220;Die schlimmsten Wölfe sind die gelernten Giraffen. Sie nehmen ihrem Gegenüber den Knüppel aus der Hand, indem sie plötzlich über Gefühle reden und ,Ich bitte dich&#8217; sagen.&#8221; </p>
<p><span class="textanfang">D</span>iese Gefahr sieht auch Monika Oboth. Gewaltfreie Kommunikation dürfe niemals manipulativ benutzt werden. Und es gibt weitere Grenzen. Wenn in einem aktuellen Konflikt eine alte Wunde aufgerissen wird, die jemand seit der Kindheit mit sich herumträgt, nützt auch der schönste gewaltfreie Dialog nichts Wird zum Beispiel Kollege A zum Abteilungsleiter befördert und Kollege B akzeptiert das nicht, kann Kollege A noch so wunderbar kommunizieren, er wird nichts erreichen.<br />
Im Kopf von B läuft ab: Warum ist A bevorzugt worden? Wahrscheinlich, weil er sich eingeschleimt hat. Der ist doch völlig unfähig und beherrscht das gar nicht. Den werde ich boykottieren. &#8220;Wenn der andere bevorzugt wird, ist das eine Kränkwlg&#8221;, erklärt Monika Oboth. &#8220;Es geht um das unerfüllte Bedürfnis nach Anerkennung, Erfolg und Spielraum. Wenn Kollege B in diesem Punkt sehr verwundbar ist, weil er schon als Kind erlebt hat, dass ständig sein älterer Bruder bevorzugt wurde, wird ein gewaltfreier Dialog nichts fruchten.&#8221;<br />
Allerdings hat Monika Oboth schon erlebt, dass einem der Kontrahenten plötzlich klar wird, dass er deshalb so allergisch auf die Chefin reagiert, weil sie die gleiche schrille Stimme hat wie seine Mutter. Diese Erkenntnis wirkt sofort deeskalierend und macht einen Dialog möglich.</p>
<p><strong>Weiterführende Informationen</strong></p>
<ul>
Klaus-Dieter Gens, Susann Pasztor: Mach doch ..was du willst! Gewaltfreie Kommunikation am Arbeitsplatz. Junfermann, Paderborn 2005<br />
Monika Oboth, Gabriele Seils: Mediation in Gruppen und Teams. Junfermann, Paderborn 2008<br />
Marshall B. Rosenberg: Erziehung, die das Leben bereichert. Gewaltfreie Kommunikation im Schulalltag. Junfermann, Paderborn 2007<br />
Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation. Aufrichtig und einfühlsam miteinander sprechen. Junfermann, Paderborn 2007<br />
Informationen über das Center for Non violent Communication im Internet unter <a href="http://www.cnvc.org" target="_blank" class="liexternal">www.cnvc.org</a><br />
Informationen über Trainerinnen und Trainer für gewaltfreie Kommunikation im deutschsprachigen Raum unter <a href="http://www.gewaltfrei.de" target="_blank" class="liexternal">www.gewaltfrei.de</a></ul>
<p class="print">Note: There is a print link embedded within this post, please visit this post to print it. | <a href="http://www.birgit-schoenberger.de/pdf/gewaltfreie_kommunikation.pdf" class="liinternal">Text als pdf</a> | <a href="#" class="liinternal">top of page</a></p>
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		<title>Wer will ich noch werden</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Jul 2009 06:43:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Birgit Schönberger</dc:creator>
				<category><![CDATA[Psychologie]]></category>

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		<description><![CDATA[Die "besten Jahre". Ein neuer Blick auf die Lebensmitte
erschienen in: Publik-Forum 10/2007]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.birgit-schoenberger.de/pdf/wer_will_ich_noch_werden.pdf" title="Wer will ich noch werden - pdf - 2 MB" target="_blank"><img class="pdf" src="http://www.birgit-schoenberger.de/graphics/pdf.png" alt="Wer will ich noch werden - pdf - 2 MB" title="Wer will ich noch werden - pdf - 2 MB" /></a></p>
<p class="info">Die &#8220;besten Jahre&#8221;.<br />
Ein neuer Blick auf die Lebensmitte.<br />
Im mittleren Lebensalter wird man unabhängiger von der Meinung anderer und freier zur Entfaltung seiner eigenen Ideen und Projekte.</p>
<p>erschienen in: <a href="http://www.publik-forum.de" target="_blank" class="liexternal">Publik-Forum 10/2007</a><br />
Text: Birgit Schönberger
<p class="print">Note: There is a print link embedded within this post, please visit this post to print it. | <a href="http://www.birgit-schoenberger.de/pdf/wer_will_ich_noch_werden.pdf" class="liinternal">Text als pdf</a></p>
<p><span class="textanfang">I</span>n Wirklichkeit quält mich ja nicht, dass die Zahl der verbleibenden Jahre ständig abnimmt, sondern dass ich diese Jahre &#8211; wenn nichts Entscheidendes geschieht &#8211; auf eine so belanglose Weise verbringen werde &#8230; Alle Entscheidungen von Belang, die ich selbst zu treffen hatte, sind längst getroffen, meine Ehe ist beschlossen, meine Beruf steht fest &#8230;&#8221;</p>
<p>Wohl kaum jemand bringt das Gefühl der Midlife-Crisis so deutlich auf den Punkt wie Jurek Beckers Held Simrock.<br />
Alle Lebensweichen scheinen gestellt zu sein. und nun stellt sich die Frage: Soll das wirklich schon alles gewesen sein? Natürlich gibt es Männer und Frauen. die mit 40 plötzlich ihre Familie verlassen und mit einem anderen Partner noch mal neu anfangen wollen. Das sind aber eher Ausnahmen.<br />
&#8220;Das Auffälligste an den mittleren Jahren ist, dass sie so unauffällig verlaufen&#8221;, sagt der Soziologe Martin Kohli. Und auch die Züricher Psychotherapeutin und Lehranalylikerin Irene Kummer schreibt in Ihrem Buch »Im Mittelpunkt meines Lebens« von einer allmählichen, fast unmerklichen Wandlung und Neuorientierung.</p>
<p><span class="textanfang">E</span>s gibt eine Struktur von Übergängen. die sich wiederholt, und wir spüren, dass etwas zu Ende geht. Dass wir eine Phase der Verunsicherung haben, wo wir nicht wissen, wo es hingehen solL Das Alte ist nicht mehr, das Neue noch nicht. Die Frage: Was will ich denn jetzt noch mit meinem Leben? Die stellt sich jemand nicht mit dreißig. Die kann man sich erst stellen, wenn man schon ein Stück Leben gelebt hat. wenn man es ausprobiert hat.<img class="pdf" src="http://www.birgit-schoenberger.de/graphics/lebensmitte2.jpg" alt="" /><br />
Der Horizont rückt näher. Und das bedeutet: Ich kann nicht mehr alles tun in meinem Leben. Der Aspekt der Endlichkeit wird mit 35 noch nicht wirklich. Aber dann mit 40 wird er ein bisschen sichtbar. Und mindestens auch das Wissen: Ich kann vielleicht noch einmal umsteigen und etwas Neues machen, aber vieles kann ich dann vielleicht nicht mehr so, wenn ich es jetzt nicht packe.<br />
Wo stehe ich heute? Was habe ich erreicht? Welche Träume habe ich verwirklicht? Welche sind zerplatzt? Woran bin ich gescheitert? Was fehlt mir in meinem Leben?</p>
<p><span class="textanfang">I</span>n der Lebensmitte ziehen viele Menschen erstmals Bilanz. Rein arithmetisch gesehen ist der Mittelpunkt des Lebens heute zwischen 35 und 40. Vor wenigen Generationen war man mit Ende dreißig bereits uralt. Für Irene Kummer ist die Lebensmitte jedoch keine Zahl, sondern eine Zeit der Orientierung, ein langsamer Übergang von einer Lebensphase in eine andere: &#8220;Der Blick geht in der ersten Lebenshälfte von der Person nach außen in die Welt hinaus. Ich organisiere mich in die Welt hinaus, um ein Leben zu formen. Da geht es um Fragen: Wie finde ich einen Partner oder er mich? Wie gestalten wir Beruf und Familie? Und nachher, so ab 40, 45 und noch später. da geht der Blick dann zur eigenen Person.&#8221;<br />
<span class="textanfang">M</span>it dem Älterwerden kommt dann auch die Frage: Wer will ich noch werden? Nicht nur das, was nach außen sichtbar werden soll im Sinne von Handlungen, Arbeit. sondern es stellt sich die Frage: Was für ein Mensch bin<br />
ich? Ich merke: Ich habe Tiefenschichten, ich habe ganz viele Facetten von mir, die ich mit der Zeit integrieren und halten lernen muss. Ich gebrauche häufig das Bild von einer Babuschka. Ich bin eine ganz dicke Babuschka mit vielen gelebten Schichten, die ich zum Teil auch wieder neu entdecken muss, und das steht mehr im Vordergrund.&#8221;<br />
Irene Kummer hat sich mit Ende dreißig die Schichten ihrer Babuschka genau angeschaut und sich gefragt: Ist diese Figur wirklich vollständig? Will ich den Rest meines Lebens immer so weiter machen und meine ganze Kraft in den Beruf stecken?<br />
&#8220;Und da habe ich gemerkt: Nein. Und so bin ich dann tatsächlich in dem Alter der Lebensmitte noch Mutter geworden. Und das war für mich die große Wendezeit. Und ich hab es nie bereut. Ich bin durch das Kinderhaben kreativer geworden. Ich habe da erst angefangen, Bücher zu schreiben. Ich hatte auch plötzlich den Eindruck, dass ich etwas zu sagen habe, etwas, was mit dem Leben und mit der Praxis zu tun hat.&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">A</span>uch in Irene Dunkleys Leben gab es in der Mitte eine Zäsur. Auch sie spricht von einem Leben davor und danach. Allerdings hat sie sich das neue Leben im Gegensatz zu Irene Kummer nicht ausgesucht.<br />
Es blieb ihr nichts anderes übrig, als es anzunehmen. Die Lehrerin hatte überhaupt nicht vor, etwas an ihrem Leben zu ändern. Im Gegenteil. Zwölf Umzüge hatte sie organisiert. weil ihr Mann als Militärattaché ständig versetzt wurde. Mit vierzig freute sie sich auf eine ruhigere Phase mit ihm und den beiden Söhnen. Doch daraus wurde nichts. Ihr Mann erlebte &#8211; ganz wie Jurek Beckers Held Simrock &#8211; eine klassische Midlife-Crisis. Nach 16 Jahren Ehe kündigte er seinen Job, verliebte sich in eine 15 Jahre jüngere Frau und verließ die Familie:<br />
&#8220;Die ersten Anzeichen habe ich sicherlich gemerkt als mein Mann aus dem Golfkrieg zurückkam, aus dem ersten Golfkrieg &#8211; Anfang der 1990er-Jahre &#8211; und einfach verändert war. Dann beruhigt sich manches wieder, und man fällt in so einen gewissen Trott. Aber ich würde doch sagen: Das war so der erste Moment wo ich manchmal zweifelte, ob man das auf Dauer schaffen wird, zusammenzubleiben. Wir hatten früher sehr viele Gedanken geteilt. Und es schien so, als ob nach dem Krieg es irgendeine Kammer gab bei ihm, in die ich nicht mehr kommen konnte, und das war sicherlich dann der Anfang.&#8221;<br />
Erst hatte sie eine riesige Wut im Bauch. Sie dachte, sie hätte die größten Turbulenzen hinter sich, und sehnte sich nach Ruhe. Stattdessen saß sie plötzlich ohne Job und ohne Wohnung da und war alleinerziehende Mutter von zwei pubertierenden Söhnen.</p>
<p><span class="textanfang">N</span>ach der Wut kam die Enttäuschung. Und dann die Resignation, als ihr klar wurde, dass er nicht zurückkommen würde: &#8220;Mein Gott, jetzt muss ich wieder so kämpfen, ich dachte doch gerade, jetzt setteln wir langsam und fangen ein normaleres Leben an. Es gab da schon Momente.wo ich dachte, ich würde daran zerbrechen.&#8221;<br />
Vier Jahre ist es jetzt her, dass ihr Mann ausgezogen ist. Inzwischen kann Irene Dunkley darüber sprechen. Der größte Schmerz ist vorbei. Die Lektion, die Irene Dunkley in der Lebensmitte gelernt hat. ist. dass ein Lebensplan von einem Tag auf den anderen ungültig werden kann. Dass die Zukunft nie sicher ist. Ihr neues Leben hat sie sich im Wortsinn erarbeitet. Wochenlang hat sie in ihrer neuen Wohnung tapeziert, gehämmert und gestrichen. Sie hat sich ins Leben zuriickgemalt mit der Farbe himmelblau. &#8220;Und wo mich die Lebensmitte wirklich traf: Als ich Arbeit suchte. Ich bin Lehrerin. Ich ging an die entsprechende Stelle, und da wurde mir gesagt: Was, Sie sind fast fünfzig! Vergessen Sie es. Und da ging mir erst so richtig auf, dass ich offensichtlich schon so alt war und dass ich keinen Wert mehr hatte in meinem Beruf in diesem Alter. Und das hat mich sehr schockiert. Denn ich habe mein ganzes Leben in diesem Beruf sehr begeistert gearbeitet.&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">I</span>m mittleren Lebensalter. schreibt der Psychoanalytiker Heinz Kohut. wird man unabhängiger von der Meinung anderer und freier zur Entfaltung seiner eigenen Ideen und Projekte. Die Unabhängigkeit, die Irene Dunkley heute spürt, hat sie sich nie bewusst gewünscht. Sie wäre bereit gewesen, viel zu opfern, um die Ehe zu retten. Doch sie musste einsehen, dass nichts mehr zu retten war. <img class="pdf" src="http://www.birgit-schoenberger.de/graphics/lebensmitte1.jpg" alt="" />Jetzt genießt sie es, ihren eigenen Rhythmus zu leben und spontan Dinge zu tun, die ihren Mann fürchterlich genervt hätten. Es ist nicht die große Freiheit. es sind mehr die Kleinigkeiten, sagt sie: &#8220;Ich entscheide mich abends um sechs, ach, ich hab heute nichts vor, es ist Samstag Abend und &#8211; verdammt &#8211; ich bin wieder alleine. Ich gehe in die Oper, und dann setze ich mich in den 1Oer-Bus, fahr Unter die Linden, kaufe mir ein Ticket und sitze in der Oper und habe ganz viel Spaß, das konnte ich früher nicht machen. Ich wohne sehr zentral in Berlin, und die guten Freunde wissen, dass sie klingeln können. wenn im Wohnzimmer Licht an ist. Hier ist ein Theater um die Ecke. da sind Freunde öfter zu Gast. und die haben ihr Auto bei mir vor der Tür geparkt, und dann kommen sie nachts um zehn noch auf eine Tasse Tee oder ein Glas Wein, und das finde ich sehr schön. Das waren alles Dinge, die ich früher nicht machen konnte. Ich bin sicherlich freier jetzt, in vieler Hinsicht kann ich auch mehr zeigen, dass ich politisch in Vielem anders stehe, da bin ich heute freier in den Ansichten, die ich zum Beispiel über Krieg habe, ich bin sehr dezidiert und vielleicht auch aggressiver als ich es früher war.&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">M</span>it Beginn der Lebensmitte, schreibt Heiko Ernst in »Psychologie heute«, kann man sich dem »unbekannten Selbst«, den bislang vernachlässigten Anteilen der Persönlichkeit. zuwenden. Die Lebensmitte bringt die Chance mit sich, neue innere Kraftquellen zu entdecken. Träume können ein wertvoller Wegweiser sein für neue Persönlichkeitsschichten und Themen in der Lebensmitte. Die Schriftstellerin Irene Kummer berichtet von Träumen. in denen Menschen von Station zu Station gehen, und plötzlich taucht jemand auf, der ihnen den Weg weist. Oder sie steigen in die Tiefe hinab und begegnen dort weisen alten Frauen oder Männern. Auch die Schatzsuche ist ein typisches Traumthema. denn in der zweiten Lebenshälfte geht es um den inneren Reichtum.</p>
<p><span class="textanfang">G</span>enerativität« nennen Psychologen den Wunsch. den kommenden Generationen etwas Bleibendes zu hinterlassen. In seinem Buch »Lebenslauf und Lebenskunst« definiert lohn Kotres Generativität als &#8220;das Bedürfnis. die eigene Substanz in Formen von Leben und Werk einzubringen, die das Selbst überleben&#8221;. Auch die amerikanischen Psychologen Dan P. McAdaros, Holly Hart und Shadd Maruna betonen die Bedeutung der Generativität. Je generativer sich Menschen im mittleren Alter verhalten. so ein Ergebnis ihrer Studien, desto größer ist ihr Selbstbewusstsein und desto gesünder fühlen sie sich. Dabei geht es nicht nurum die Unsterblichkeit durch Kinder. Bücher, Kunst- und Lebenswerke, sondern grundsätzlich um den Wunsch, etwas von den Fähigkeiten und Erfahrungen, die man erworben hat, weiterzugeben. Allerdings muss man aufpassen, dass dieser Wunsch nicht zum Selbstzweck wird. Die Lebensmitte ist auch eine Zeit, um sich von alten Illusionen zu verabschieden.</p>
<p><span class="textanfang">D</span>avon ist der Architekt und Unternehmensberater Holger Reiners überzeugt. Jetzt sollte man in den Spiegel schauen und sich ganz ehrlich fragen: Wen sehe ich? Holger Reiners hätte gerne einen genialen Architekten gesehen und musste sich eingestehen. dass er das nicht ist: &#8220;Ich hab zum Beispiel gedacht, dass ich durch meine Ausbildung irgendwann mal ein wichtiges Gebäude als Architekt bauen würde, und hab dann festgestellt, dass meine Fähigkeiten mehr in der Beratung von Leuten liegen, die bauen wollen, als nun selber den Strich zu ziehen, wie hinterher ein Haus aussehen soll. Ich habe viel mit Architekten zu tun und stelle immer wieder fest, dass sie alle das Gefühl haben, dass in ihnen noch der große Architekt Le Corbusier steckt, den sie doch unbedingt übertrumpfen wollen. Und wenn man ihre Arbeiten anschaut. dann muss man ganz realistisch sagen: Kinder, da kommt ihr nie hin, lasst es doch; bescheidet euch, nehmt Abschied von den Illusionen, sonst geht es schief.&#8221;<br />
Er will nicht mehr das große Gebäude schaffen, das in die Geschichte eingeht, Die eigenen Grenzen akzeptieren und nicht verzweifelt versuchen, ein völlig anderer zu sein. Das ist für Holger Reiners das entscheidende Thema der Lebensmitte: &#8220;Derjenige, der mit vierzig meint, er müsste noch den Marathon mitmachen, der macht sich was vor, weil es einer riesigen Anstrengung bedarf, das zu trainieren. Oder viele glauben immer noch, sie würden den riesigen Karrieresprung machen. Jeder Autor glaubt, irgendwann das Riesenbuch zu schreiben. das dann irgendwann die riesigen Erfolge hat. Doch irgendwann ist es gut. sich mit dem zu bescheiden, was man hat. Ohne sich zu begnügen. Das heißt ja nicht, dass man, wenn man bescheidener wird, alle Ziele aufgibt, sondern dass man versucht. die Ziele einfach realistischer abzustecken, weil dann auch die Gefahr, in das zu dünne Eis einzubrechen, viel geringer ist.&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">A</span>b vierzig wird der Horizont enger. Die Zeit die noch bleibt, einen Traum zu verwirklichen, wird kürzer und kostbarer. Der Körper reagiert empfindlicher auf Exzesse. Der Stellenmarkt in der Zeitung spricht eine deutliche<br />
Sprache. Bevorzugt werden junge, dynamische Draufgänger. Und die Zeit scheint zu rasen. <img class="pdf" src="http://www.birgit-schoenberger.de/graphics/lebensmitte3.jpg" alt="" />Holger Reiners hatte sich die Konfrontation mit der Endlichkeit dramatischer vorgestellt, aufrüttelnder. Wer sich klar macht dass die erste Hälfte des Lebens vorbei ist, der muss vor Ideen überschäumen. dachte er: &#8220;Ich hatte mir vorgestellt. dass noch mal ein neuer Schwung von Kreativität einsetzt.Was man mit demLeben eigentlich machen könnte. Ich habe mch umgehört bei meinen Altersgenossen und stellte fest, dass die Veränderung der Lebensspur nur wenige Grade sind. Und das hat mich sehr erschreckt. Dass einem nicht plötzlich, wenn man einen Freiheitsgrad erreicht hat, vielleicht auch sogar finanziell, dass man dann Hurra schreit und sagt Jetzt erfülle ich mir den Lebenstraum, so wie andere um die Welt segeln. Mir ist so was nicht eingefallen.&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">D</span>ennoch hat Holger Reiners die Weichen sachte neugestellt. Er trifft sich nur noch mit Menschen, die ihm wichtig sind, und sagt nur noch ja zu Aufträgen, die ihn wirklich interessieren: &#8220;Ivh habe einiges geändert. Ich habe zum Beispiel geändert, dass ich mich nicht mehr an die klassischen Vorbilder von Arbeitsauffassung und Arbeitszeit halte. Wenn draußen Sonnenschein ist, gehe ich bewusst vormittags eine Stunde raus, und die hänge ich dann eben abends dran, wenn es dunkel ist, das hätte ich mich vor zehn Jahren nicht getraut.&#8221;<br />
Den inneren Frieden, den er zunehmend in sich spürt, hat Holger Reiners in seinem Buch über die Lebensmitte genauer beschrieben. Es heißt &#8220;Best Age&#8221;. Darin erläutert er auch seine Skepsis, wenn Menschen die Vorstellung haben, irgendwann komme ein großer Schnitt, und dann könne man endlich das machen. was man immer machen wollte. Dinge, die einem wichtig sind, meint er, sollte man nicht auf später verschieben. Die Zukunft hat ihre Wurzeln immer in der Gegenwart: &#8220;Meine Erfahrung ist, dass es in der Lebensmitte einen kritischen Punkt gibt, nämlich den, dass man sich um seine sozialen Verantwortungen und um seine sozialen Kontakte bemühen muss. Wer sehr stark beruflich eingespannt ist verschiebt so etwas gerne auf die Zeit nach der Pensionierung, sagt sich: Dann habe ich Zeit Sport zu machen, dann habe ich Zeit mit meinen Freunden zu wandern, aber bis dahin muss ich dafür nichts tun. Das ist ein ganz großer Irrtum. Denn mit 65 plötzlich zu sagen: Jetzt muss ich mir mal einen Freundeskreis aufbauen, da werden die alle sagen: Die letzten zwanzig Jahre hast du uns negiert, und jetzt, wo du nichts zu tun hast, willst du kommen, jetzt ist es zu spät. Der Zeitpunkt dafür ist mit fünfzig schon sehr spät aber es ist noch die letzte Gelegenheit diesen Aspekt des Lebens zu bedenken, nämlich: Wie sollen später meine sozialen Begegnungen sein, wer sind dann meine geistigen Austauschpartner, wo hab ich die eines Tages? Im Beruf sind sie dann alle weg.&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">D</span>ie Lebensmitte ist eine Phase der Verwandlung, glaubt Irene Kummer. Es ist wie im Märchen. Wenn der Held die Priifungen bestanden hat und verwandelt zurückkommt kann er die anderen beschenken: &#8220;Weil wir in unserer Gesellschaft so viel älter werden, ist es wichtig, dass der Sinn dafür wächst. dass wir diese Übergänge brauchen, dass wir nicht wachsen können in einer hyperadrenalisierten Gesellschaft. Das ist das Geschenk, dass wir, wenn wir diesen Übergang ernst nehmen, auch ein Slück als Verwandelte wiederkommen können und dann auch der Gesellschaft andere Qualitäten zu geben vermögen.&#8221;</p>
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		<title>Der kreative Umgang mit der Wahrheit</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Jul 2009 06:42:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Birgit Schönberger</dc:creator>
				<category><![CDATA[Psychologie]]></category>

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		<description><![CDATA[Vom Flunkern, Lügen und Betrügen
RBB Kulturradio - April 2007]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="pdf" src="http://www.birgit-schoenberger.de/graphics/podcast.png" alt="Abspielen durch Anclicken des Play Buttons" /></p>
<p class="info"><strong>Vom Flunkern, Lügen und Betrügen</strong><br />
Im Schnitt lügt jeder 50 Mal am Tag, sagen Psychologen.<br />
Schon Vierjährige behaupten, während sie die letzten Kekskrümel runterschlucken &#8220;Ich wars nicht“.<br />
Mit acht sind Kinder bereits in der Lage, komplexe Lügen zu erfinden, ohne dabei rot zu werden.</p>
<p class="rightplay"><b>Abspielen</b></p>
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<p><b>Autorin</b><br />
Birgit Schönberger</p>
<p><b>Reihe</b><br />
Gott und die Welt</p>
<p><b>Sender</b><br />
<a href="http://www.daskulturradio.de/" title="www.daskulturradio.de" target="_blank" class="liexternal"> RBB Kulturradio</a></p>
<p><b>Ausstrahlung</b><br />
April 2007</p>
<p><b>Dauer</b><br />
24 Minuten</p>
<p>Mit Ausreden, Über- und Untertreibungen und Schwindeleien lavieren wir uns durchs Leben. Beim Lügen muss das Gehirn Hochleistungen vollbringen, denn während man die Unwahrheit ausspricht, wird die Wahrheit in einem anderen Hirnareal mitgedacht. Kleine Schwindelein erleichtern das soziale Leben, Lebenslügen, Betrug  und große Täuschungen schaden uns und anderen.</p>
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		<title>Einmal Abgrund und zurück</title>
		<link>http://www.birgit-schoenberger.de/journalismus/psychologie/einmal-abgrund-und-zurueck/</link>
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		<pubDate>Thu, 30 Jul 2009 06:42:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Birgit Schönberger</dc:creator>
				<category><![CDATA[Psychologie]]></category>

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		<description><![CDATA[Wie ertragen manche Menschen ein Schicksal, an dem andere zerbrechen würden? 
erschienen in: stern Gesund Leben 09/2007]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.birgit-schoenberger.de/pdf/einmal_abgrund_und_zurueck.pdf" title="Einmal Abgrund und zurück - pdf - 4,3 MB" target="_blank"><img class="pdf" src="http://www.birgit-schoenberger.de/graphics/pdf.gif" alt="" /></a></p>
<p class="info">Wie ertragen manche Menschen ein Schicksal, an dem andere zerbrechen würden? &#8220;Resilienz&#8221; nennen Psychologen die Kraft, die Katastrophe zu durchstehen</p>
<p>erschienen in: <a href="http://www.stern.de/magazin/gesund_leben" target="_blank" class="liexternal">stern Gesund Leben 09/2007</a></p>
<p class="print">Text: Birgit Schönberger | Note: There is a print link embedded within this post, please visit this post to print it. | <a href="http://www.birgit-schoenberger.de/pdf/einmal_abgrund_und_zurueck.pdf" class="liinternal">Text als pdf</a></p>
<p><span class="textanfang">W</span>enn die vergangenen fünf Jahre im Leben von Heike von Borries als Film im Fernsehen liefen, würde man wegzappen. Aus Selbstschutz, weil niemand soviel Drama auf einmal erträgt. Dabei lohnte es sich, das Ende abzuwarten, im Drehbuch ihres Lebens gibt es ein Happy End. Heute sitzt die 48-jährige Führungskräftetrainerin in der Küche ihrer kleinen Berliner Wohnung und sagt: &#8220;Ich habe es geschafft. Es geht mir gut.&#8221; Dass sie das sagen kann ist wie ein Wunder. 2001 fand sich Heike von Borries, eine bis dahin von Erfolg verwöhnte Karrierefrau, im Sozialamt wieder. Sie hatte ihren Mann und ihr Baby verloren und um Haaresbreite auch ihr Leben. &#8220;Ich verlasse dich.&#8221; Kurz vor der Geburt ihres gemeinsamen dritten Kindes &#8211; die beiden Töchter waren fünf und ein Jahr alt &#8211; hatte ihr Mann ihr das eröffnet. Sie waren gerade dabei, ein Zimmer für das neue Baby umzubauen. Kurz darauf, an einem Karfreitag, platzte ihre Gebärmutter. Die Plazenta riss ab, das Baby war sofort tot. Sie erinnert sich noch an die blinkenden Krankenwagen vor der Tür und die vielen Menschen, die plötzlich in die Wohnung gestürmt waren, um den kleinen Darius &#8211; so hat sie ihn später genannt &#8211; zu retten. In der Zwischenzeit wäre sie selbst beinahe verblutet. Die Ärzte versetzten sie ins künstliche Koma.</p>
<p><span class="textanfang">I</span>hre Chancen standen schlecht, der Chefarzt hatte sie bereits aufgegeben. Doch Heike von Borries blieb am Leben. Als sie nach fünf Tagen erwachte, saß die Chirurgin weinend auf ihrem Bett. Das erste Zeichen, das sie von ihrem Mann bekam, war ein Brief seines Anwalts mit der Aufforderung, ihr den Bootshausschlüssel unverzüglich auszuhändigen. &#8220;Da dachte ich, tiefer kann ein Mensch nicht sinken.&#8221; Einige Tage konnte sie nur weinen. Sie wollte ihr totes Baby zurück. Sie wollte sterben. &#8220;Aber irgendwann habe ich die Entscheidung gefällt, ich will leben, und zwar richtig. Und dafür habe ich eine Menge getan. Mit Humor und viel Selbstdisziplin.&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">D</span>ie Kraft, die von Borries eingesetzt hat, um sich zurück ins Leben zu holen, alleine für ihre Töchter zu sorgen und sich eine neue berutliche Existenz als freie Trainerin aufzubauen, wird in der Psychologie Resilienz genannt. Sie bezeichnet die Widerstandskraft, die Fähigkeit, extreme Lebenssituationen durchzustehen. Ursprünglich kommt der Begriff aus der Werkstoffkunde: Hohe Resilienz haben Materialien, die unter Druck nicht brechen, sondern anschließend in ihre ursprüngliche Form zurückfinden. Was beim Menschen die Quelle dieser Kraft ist, ist die Schlüsselfrage, die sich Resilienzforscher stellen. &#8220;Gedeihen rotz widriger Umstände&#8221; hieß das Motto eines internationalen Resilienzkongresses, den die Schweizer Familien- und aartherapeutin Rosmarie Welter-Enderlin 2005 in Zürich initiierte. Überall auf der Welt, in allen sozialen Schichten, üssen Menschen in unterschiedlichsten Lebensphasen und -situationen mit dem umgehen, was ihnen das Leben zumutet  die einen wachsen daran, die anderen zerbrechen. Was besitzen die einen, was den anderen fehlt?<br />
Umfangreiche Daten haben die Forscher inzwischen gesammelt, doch Welter-Enderlin warnt davor, gebrauchsfertige Rezepte daraus abzuleiten: Resilienz lässt sich nicht aus Ratgeberbüchern erlernen. Jeder Mensch, glaubt sie, aktiviert in Krisensituationen andere innere und äußere Schutzfaktoren und Kraftquellen. ür sie ist es zum Beispiel ein Satz ihrer Mutter: &#8220;Nicht verzweifeln, es geht immer wieder ein Türlein auf.&#8221; Andere schöpfen Kraft aus dem Glauben, dem Klavierspielen, ihrem Freundeskreis oder der Natur.<br />
&#8220;Resilienz ist keine statische Größe&#8221;, bestätigt Jürg Frick, Psychologieprofessor an der Pädagogischen Hochschule Zürich. &#8220;Alle Menschen haben resiliente Fähigkeiten, aber sie sind nicht in allen Lebenslagen gleich widerstandsfähig.  Es ist durchaus möglich, dass ein Mann den Verlust des Arbeitsplatzes mit Anfang fünfzig gut &#8220;wegsteckt&#8221; und fünf Jahre später völlig zusammenbricht, wenn seine Frau ihn nach 30 Jahren Ehe verlässt. Kommt man mit einer dicken Schutzhaut zur Welt? Oder kann man sie sich auch später noch überziehen ? Beides, sagt die Resilienzforschung. Es gibt wahrscheinlich eine Art Grundausstattung, die manchen Menschen in die Wiege gelegt ist. Man kann aber aber viel dafür tun, um sich eine Schutzschicht zuzulegen oder diese zu verdicken. Eines lässt sich über resiliente Erwachsene mit Sicherheit sagen: Sie setzen sich in Krisensituationen nicht heulend in eine Ecke und warten auf ein &#8220;Wunder&#8221;, sondern versuchen, so viel wie möglich selbst in die Hand zunehmen. Sie sind aber auch keine Einzelkämpfer und scheuen sich nicht, um Hilfe zu bitten. Dieses Phänomen hat Emmy Werner auf eindrucksvolle Weise entdeckt. Die amerikanische Psychologin gilt als Mutter der Resilienzforschung. Vierzig Jahre lang hat sie Kinder auf der hawaiianischen lnseli Kauai begleitet und an ihnen beobachtet, inwiefern sich soziale Risikofaktoren auf deren Entwicklung auswirken. Trotz Armut, Alkohol, Gewalt und Trennung sind einige von ihnen zu stabilen, lebenstüchtigen und mitfühlenden Erwachsenen herangewachsen. Emmy Werner konnte zudem nachweisen, dass manche Kinder aus zerrütteten Familien später besser klarkamen als die aus geordneten.</p>
<p><span class="textanfang">R</span>osmarie Welter-Enderlin findet das sehr ermutigend. Weil es beweist, dass die Gleichung &#8220;traumatische Kindheit bedeutet traumatische Zukunft&#8221; nicht zwangsläufig stimmt. &#8220;Diese Kinder haben von sich aus das Gespür gehabt, wo etwas zu holen ist,wo nette Leute waren, und die haben sie aufgesucht.&#8221; Davon, findet die Schweizerin, könnten wir eine Menge lernen. Das gilt auch für Erwachsene. Wenn Heike von Borries darüber nachdenkt, was ihr geholfen hat, nicht in Gram und Kummer zu versinken über ihr verlorenes Baby, die kaputte Ehe und die Scheidung, die sie beinahe ruinierte, dann fällt ihr als Erstes das neue Netzwerk ein, das sie sich geschaffen hat. &#8220;Davor hatte ich mich vollständig auf meinen Mann verlassen, ich hatte keine Freundinnen.&#8221;<br />
Sie hat gelernt, um Hilfe zu bitten und neue Menschen in ihr Leben eingeladen, auf die wirklich Verlass ist. Geholfen hat von Bonies auch ein gewisser Trotz. Sie wollte ihrem Exmann nicht den Gefallen tun, weinend am Boden zu liegen und zu kapitulieren. &#8220;Ich wollte es wieder schön haben und allen zeigen, was eine Harke ist.&#8221; Heute ist sie stolz darauf, dass sie das geschafft hat. Und sie hatte den Mut, ihrer Geschichte ins Auge zu schauen und sich zu fragen: Was habe ich dazu beigetragen, dass mir das passiert ist? Und was tue ich, damit mir das nie wieder passiert? In Zukunft will sie genauer hinschauen undhinhören, wenn ihre innere Alarmglocke schrillt.</p>
<p><span class="textanfang">R</span>esiliente Menschen sind keineswegs unverwundbar. Sie lassen sich nur nicht vom Schicksal entmutigen und suchen nach Auswegen, auch wenn alles noch so ausweglos erscheint. Der Kunstturner Ronny Ziesmer brauchte, wie er sagt, exakt fünf Minuten, um zu erfassen, dass ab sofort in seinem Leben nichts mehr so sein würde wie vorher. Am 12. Juli 2004 übte er zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Athen den Tsukahara, seinen Paradesprung mit doppeltem Salto rückwärts über den Sptungtisch. Bereits im Anflug wusste er, dass er es nicht schaffen würde, auf den Füßen zu landen. Er war eine Hundertstelsekunde zu langsam und knallte mit dem Nacken auf die Matte. Seitdem ist er querschnittsgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen.</p>
<p><span class="textanfang">S</span>chon als er am Boden lag und das seltsame Kribbeln im ganzen Körper spürte, entschied sich der frühere deutsche Meister, nur noch nach vorn zu schauen. Aber geht das überhaupt? Braucht man nicht Monate, um eine so niederschmetternde Diagnose zu begreifen, geschweige denn zu akzeptieren? &#8220;Warum?&#8221; fragt Ronny Ziesmerz zurück. &#8220;Mir war gleich klar, dass ich das nicht mehr rückgängig machen kann. Und was ich nicht mehr ändern kann, darüber denke ich auch nicht nach. Das war auch schon vor dem Unfall so.&#8221; Ziesner sitzt im Rollstuhl draußen in seinem Lieblingscafé in Cottbus mitten in der Fußgängerzone und trinkt eine heiße Schokolade. Alle zwei Minuten kommt jemand vorbei, den er kennt. &#8220;Hallo Ronny. Wie geht&#8217;s?&#8221; &#8220;Gut.&#8221;<br />
Der 27-Jährige hat sich entschieden, das Beste, aus seiner Situation zu machen und die Körperteile zu trainieren, die ihm noch gehorchen. &#8220;Bei mir war jeder Muskel ausgebildet. Ich war koordinativ richtig gut drauf.&#8221; Seine Sportlerkarriere hat ihm in der Reha geholfen, Muskeln zu aktivieren, von deren Existenz Untrainierte gar nichts wissen. Ziesmer will sich nicht darüber beklagen, was alles nicht mehr geht. Snowboarden, Motorradfahren, Modellflugzeuge bauen. &#8220;Mein Gott, es gibt auch andere Hobbys.&#8221; Er fragt sich lieber: Was geht? Autofahren zum Beispiel in einem speziell für ihn umgebauten Wagen. Handbiken, manchmal sogar mit 40 Stundenkilometern. Studieren. Ein Jahr nach dem Unfall hat er ein Biotechnikstudiumbegonnen. Er träumt davon, an der Entwicklung eines bahnbrechenden Therapieverfahrens für Querschnittsgelähmte mitzuwirken. &#8220;Meine Turnkarriere wäre auch ohne den Unfall irgendwann zu Ende gegangen, ich hätte danach sowieso studiert. Und nun studiere ich halt jetzt schon.&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">N</span>atürlich gibt es auch Tage, an denen Ronny Ziesmer sein Handicap verflucht, an denen er eine Menge dafür geben würde, wenn seine Finger sich endlich wieder bewegen ließen. Die Frage &#8220;Warum ausgerechnet ich?&#8221; vermeidet er. &#8220;Weil ich immer zum selben Schluss komme, dass ich sie nicht beantworten kann, und deshalb sind das verschwendete Gedanken für mich.&#8221; Punkt. Ende der Durchsage.<br />
Der Satz: &#8220;Es ist, wie es ist, und ich kann es nicht ändern&#8221; ist für die Psychotherapeutin Welter-Enderlin überlebenswichtig. &#8220;Wenn man überflutet würde von Angst und Ungewissheit ohne dieses Ordnungsprinzip, könnte man den Laden zumachen.&#8221; Ist Akzeptanz ein wichtiger Schlüssel für Resilienz? &#8220;Oh je&#8221; sagt Rosmarie Welter-Enderlin, &#8220;Akzeptanz ist ein ganz schwieriges Thema&#8221;. Nach ihrer Erfahrung sind es vor allem die anderen, die Akzeptanz fordern: Arzte, Pfleger, Ergotherapeuten, Angehörige. &#8220;Du musst es akzeptieren&#8221;, predigen sie. Dabei wäre es viel hilfreicher zu sagen: ,,Wissen Sie, es braucht wahrscheinlich sehr viel Zeit, bis Sie Ja sagen können zu dieser Krankheit. Wenn Sie wollen, begleite ich Sie dabei.&#8221; Menschen in Krisen haben ein Recht darauf, auch mal aggressiv zu sein und zu sagen: &#8220;Lass mich in Ruhe.&#8221; Damit sollten die Angehörigen schon klarkommen, findet Welter-Enderlin.</p>
<p><span class="textanfang">D</span>as Umfeld spielt nach ihren Erkenntnissen eine entscheidende Rolle. Denn was nutzt es, wenn man mitten in der Krise über sich hinauswächst, aber keiner da ist, der sagt: Komm, lass uns den Rollstuhl ins Auto packen und in die Sonne fahren. Oder: Ich leih dir das Geld, damit der Gerichtsvollzieher nicht kommen muss, du kannst es mir irgendwann zurückzahlen. Deshalb gehören zur Resilienz mindestens zwei: Einer, der bereit ist, sein Leben in die Hand zu nehmen trotz widriger Umstände, und andere, die ihn dabei unterstützen, ohne mit angeblich guten Ratschlägen zu nerven. ]ürgen Bünte hat die Erfahrung gemacht, dass er immer genau die Hilfe bekommen hat, die er brauchte. Anders wäre es auch gar nicht gegangen. Ohne seine Frau wäre er in vielen Situationen aufgeschmissen, denn er sieht um sich herum nur &#8220;freundliches Grau&#8221;. Der 69-Jährige ist blind. Er leidet an einer angeborenen Augenkrankheit, die umgangssprachlich Tunnelblick genannt wird. Wobei er selbst<br />
das Wort &#8220;leiden&#8221; nie benutzen würde. &#8220;Ich leide nicht darunter, dass ich inzwischen vollständig blind bin&#8221;, sagt er. &#8220;Ich freue mich an dem, was ich noch machen kann.&#8221; Und das ist eine ganze Menge. Seit er pensioniert ist, lernt er Griechisch mit einem Optacon, einem Gerät, das Texte fühlbar macht. Seine Frau hat Bünte vor 25 Jahren zum letztenmal richtig gesehen.</p>
<p><span class="textanfang">D</span>as Bild von ihr mit glänzenden Haaren im Sommersonnenlicht hat er auf seiner inneren Festplatte gespeichert und ruft es immer wieder ab. Morgens, wenn seine Frau sich angezogen hat, beschreibt sie ihm, welche Farbe ihr Pullover hat und lässt ihn das Material ertasten. Zunächst gab es noch Hoffnung, dass die Krankheit ihm zumindest einen Teil des Augenlichts lässt. Sie hat sich nicht erfüllt. Jürgen Bünte hadert nicht damit, im Gegenteil: Seine vollständige Erblindung hat er als Befreiung erlebt. So lange er sehbehindert war, konnte er Menschen auf der anderen Straßenseite erkennen und ihnen zuwinken und just in dem Moment in ein Schlagloch vor seiner Nase fallen. Die völlige Blindheit, sagt er, bewahre ihn vor vielen peinlichen Situationen. Denn jetzt weiß er, dass er nichts sieht, und die anderen wissen es auch.</p>
<p><span class="textanfang">N</span>ein, ein Held sei er nicht, sagt Bünte. &#8220;Mit diesen olympiareifen Blinden, die angeblich jeden Berg der Welt besteigen oder Farben erfühlen können, habe ich nichts zu tun.&#8221; Er möchte nur zeigen, dass auch ohne Augenlicht im Leben viel möglich ist. Nachdem er sein Mobilitätstraining mit dem Stock absolviert hatte, war er die erste Zeit wie im  Rausch. &#8220;Ich bin mit meinem weißen Langstock durch Berlin stolziert, mit sämtlichent Straßenbahnlinien gefahren und dachte: Mensch, was kannst du jetzt noch alles anstellen? Mittlerweile ist er nicht mehr so unternehmungslustig. Aber wenn seine Frau Geburtstag hat, geht er selbstverständlich alleine zum Blumenladen. Er engagiert sich immer noch im Blindenverein und im Berliner Landesbeirat für behinderte Menschen. Jürgen Bünte geht pragmatisch an seine Probleme heran. &#8220;In dem Moment, wo ich etwas will, bin ich völlig offen. Entweder ich kann es alleine, oder ich muss Hilfe in Anspruch nehmen, und dann überlege ich, woher ich sie kriege.&#8221; Gesunder Realitätssinn gepaart mit praktischer Vernunft. Auch das ist ein wichtiger Aspekt von Resilienz. Und die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen. Auch über Theorien sollte man lachen können, findet Rosmarie Welter-Enderlin, und über Ergebnisse der Resilienzforschung. Resilienz, sagt sie, ist eine großartige Kraft, aber sie hofft, dass sie nicht zum Wundermittel verklärt wird. Inzwischen wurde nämlich sogar schon eine Creme &#8220;Resilience&#8221; genannt. Angeblich verwischt sie sämtliche Spuren des Lebens.</p>
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		<title>Die Kraft der inneren Bilder</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Jul 2009 06:41:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Birgit Schönberger</dc:creator>
				<category><![CDATA[Psychologie]]></category>

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		<description><![CDATA[Was wir uns im Geiste vorstellen, kann unseren Körper genauso stark aktivieren wie unsere Handlungen.
erschienen in: Stern Gesund Leben 10/2007]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.birgit-schoenberger.de/pdf/die_kraft_der_inneren_bilder.pdf" title="Die Kraft der inneren Bilder / Stern Gesund Leben"><img class="pdf" src="http://www.birgit-schoenberger.de/graphics/pdf.png" alt="Die Kraft der inneren Bilder - pdf - 2 MB" title="Die Kraft der inneren Bilder - pdf - 2 MB"/></a></p>
<p class="info">Was wir uns im Geiste vorstellen, kann unseren Körper genauso stark aktivieren wie unsere Handlungen.<br />
Diese Vernetzung können wir nutzen, um Einstellungen und Befindlichkeiten ins Positive zu wenden. Zunehmend schöpfen auch Therapeuten aus diesem Fundus im Kopf.</p>
<p>erschienen in: <a href="http://www.stern.de/magazin/gesund_leben/" target="_blank" class="liexternal">Stern Gesund Leben 10/2007</a><br />
Text: Birgit Schönberger</p>
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<p><span class="textanfang">B</span>evor die Malerin Karotine Koeppel zum ersten Mal den Pinsel ansetzt, ist das Bild in ihrem Kopf längst fertig. Auf ihrer inneren Leinwand sieht sie jedes Detail scharf wie auf einem Foto: das leuchtende pinkfarbene Kleid der Bauchtänzerin, den ekstatischen Blick, die Barbiepuppen am Boden, die die Rubensfrau beim Tanzen lustvoll zertritt. Taucht ein Bild in ihr auf, geht die 44-jährige Künstlerin so schnell wie möglich ins Atelier und fängt an zu skizzieren. Wochen oder Monate später ist aus dem inneren Bild ein reales geworden. Was Karoline Koeppel in ihrem Atelier macht, tun wir alle unbewusst. &#8220;Wir arbeiten ständig mit inneren Bildern. Wir machen uns nur nicht bewusst, welches Potenzial darin steckt&#8221;, sagt die schwäbische Ärztin und Psychoanalytikerin Luise Reddemann, die sich seit Jahren intensiv mit der Kraft der Imagination beschäftigt. Wenn wir Freunden vom letzten Urlaub erzählen, aktivieren wir im Kopf sofort ein Bild von den saftig-grünen Voralpenhängen oder dem in der Abendsonne schimmernden Dorf am Meer. Sich erinnern ist nichts anderes als Imaginieren. Luise Reddemann beschreibt die Vorstellungskraft als Zaubermittel, das uns in jedem Augenblick zur Verfügung steht. An einem tristen Novembertag können wir die aufkommende Melancholie vertreiben, indem wir die Augen schließen, uns kraft unserer Fantasie an unseren Lieblingsstrand versetzen und ihn innerlich so lange ausmalen, bis alles stimmt: der Türkiston des Wassers, die Boote, die auf den Wellen schaukeln, die Sonne, die genauso steht, wie es für uns angenehm ist. Sofort beginnt der Körper, sich zu entspannen. Die Durchblutung wird angeregt, die Haut fühlt sich warm an und kribbelt, auch wenn die Sonne nur im Kopf scheint.</p>
<p><span class="textanfang">W</span>enn wir uns etwas vorstellen, sind im Gehirn dieselben Zellen aktiv wie dann, wenn wir es tatsächlich tun. Beschäftigt sich etwa ein Pianist oder Geiger intensiv mit seiner Partitur, werden im Moment des Lesens exakt die motorischen Zellen aktiviert, die er braucht, um das Stück tatsächlich zu spielen. &#8220;Innere Bilder sind Verschaltungsmuster von Nervenzellen, die sich einmal herausgebildet haben und auf die man zurückgreifen kann&#8221;, sagt Gerald Hüther, leitender Professor der Abteilung für neurobiologische Grundlagenforschung an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen. Sportler nutzen die Vorstellungskraft schon lange, um sich gezielt auf Wettkämpfe vorzubereiten. Als die heute 2I-jährige Kunstturnerin Yvonne Musik zum ersten Mal mit Imagination arbeiten sollte, um ihren Abgang am Barren zu verbessern, war sie skeptisch. &#8220;lch dachte: Das kann doch nichts bringen.&#8221; Doch sie stand unter Druck. Sie wollte unbedingt an den Olympischen Spielen 2004 in Athen teilnehmen, hatte aber im Qualifikationstraining jedes Mal die letzten Sekunden ihrer Übung verpatzt und war völlig blockiert. Im Mentaltraining lernte sie, sich neben den Barren zu legen, die Übung nur im Kopf zu turnen und das Bild jeder einzelnen Bewegungssequenz präzise aufzubauen. Anfangs, sagt sie, fühlte es sich merkwürdig an. Sie wollte die Übung hinter sich bringen und war immer viel zu schnell. &#8220;Nach ein paar Wochen hat es im Training plötzlich klick gemacht, und die Blockade war weg.&#8221; Seitdem schwört Yvonne Musik auf Mentaltraining und nutzt die Zeit, während sie die Hände bei einem Wettkampf mit Magnesium einreibt, für eine kurze Imagination. Als sie wegen eines Bänderrisses drei Wochen lang nicht trainieren durfte, machte sie alle Übungen nur im Kopf und war danach trotzdem topfit. Derzeit bereitet sie sich auf ein Comeback vor. Wenn sie einen Durchhänger hat, ruft sie sich die Bilder von Athen in Erinnerung, wie sie in der großen Arena steht, ihren Wettkampf turnt und anschließend mit anderen Athleten im olympischen Dorf feiert. Sofort ist sie wieder motiviert. Sobald im Gehirn ein inneres Bild von Erfolg abgespeichert ist, kann man darauf in jedem Moment zurückgreifen.</p>
<p><span class="textanfang">C</span>oachs bereiten ihre Klienten mithilfe innerer Bilder auf ein wichtiges Bewerbungsgespräch, einen schwierigen Vortrag oder andere aufregende Situationen vor: Sie sollen sich an einen vergangenen Erfolg erinnern, ihn sich in allen Einzelheiten vorstellen und das Bild dann mit einer kleinen Geste verbinden. Mithilfe dieser Geste kann das Gefühl dann auf Wunsch aktiviert werden. Der Effekt lässt sich auch ohne professionelle Unterstützung nutzen: Setzen Sie sich in einer ruhigen Stunde zu Hause hin und versetzen Sie sich in Gedanken zu einem Erfolgserlebnis, etwa einer tollen Präsentation, die alle begeistert beklatscht haben. Fragen Sie sich: Wie klang meine Stimme in diesem Moment? Welchen Gesichtsausdruck hatte ich? Wie hat sich mein Körper angefühlt? Was habe ich gedacht? Klären Sie das Bild für sich so gründlich, dass Sie es bei Bedarf abrufen können.</p>
<p><span class="textanfang">A</span>uch Psychotherapeuten setzen die heilsame Kraft der Imagination ein. Luise Reddemann arbeitet gern mit der Vorstellung von einem Wohlfühlort: Sie regt ihre Patienten an, in ihrer Fantasie an einen Ort zu gehen, an dem sie sich rundum wohlfühlen. Das kann der Lieblingsplatz aus der Kindheit hoch oben im Baum sein, der Gipfel eines Berges, den man einmal voller Stolz erklommen hat, eine Lichtung im Wald, ein Strand, an den man schöne Erinnerungen hat, oder eine erfundene Umgehung. Die Imagination eines guten Ortes kann mehr bewirken als wohlige Entspannung. Im Idealfall durchströmt uns ein Gefühl der Stärke und Zuversicht, das wiederum hilft, heilsame Entscheidungen zu treffen und in eine neue Richtung aktiv zu werden. Fast alle Körperprozesse werden durch sogenannte subkortikale Zentren im Hirn gesteuert. &#8220;Eigentlich sind unsere Körperregulationsmechanismen wunderbar&#8221;, sagt der Göttinger Neurobiologe Hüther. &#8220;Sie könnten ihren Job hervorragend machen, wenn wir sie nicht so furchtbar durcheinanderbringen würden mit unserem Druck, unseren Zwängen und der Art und Weise, wie wir unseren Körper dauernd abwerten.&#8221; Deshalb sei alles hilfreich, was die tieferen Bereiche des Gehirns entlaste und zur Ruhe bringe. Genau auf dieser Ebene wirken Imaginationen. Wer Herzprobleme hat, kann demnach zum Beispiel mit der Vorstellung, dass er sein Herz liebevoll umarmt und pflegt, dem limbischen System im Gehirn helfen, seine Arbeit zu machen. Wer unter Rückenschmerzen leidet, kann sich vorstellen, wie sich ein Luftballon, der zwischen den Wirbeln sitzt, aufpumpt und Platz schafft. In der Regel bewirkt diese Imagination nicht nur subjektiv ein Gefühl von Entlastung, die Wirbelsäule richtet sich tatsächlich auf.</p>
<p><span class="textanfang">W</span>elches Bild wohltuend ist, muss jeder für sich herausfinden. Es gibt archetypische Bilder, die Menschen seit Urzeiten überall auf der Welt ansprechen. Bäume zum Beispiel. Gerald Hüther hat beobachtet, dass es interessanterweise gerade nicht die schönen, dicken Bäume sind, die uns anziehen, sondern die verkrüppelten, die einsam auf einem Felsen stehen. Wasser ist auch ein Urbild. Vielen Menschen tut es in Stresssituationen gut, sich einen Wasserfall vorzustellen, das Meer oder einen Fluss. Wer trotz aller Beweise, die die Hirnforschung für die Macht der inneren Bilder liefert, immer noch skeptisch ist, dem schlägt Luise Reddemann einen einfachen Test vor: Denken Sie an etwas Unerfreuliches, und nehmen Sie wahr, wie sich das auf Ihren Körper auswirkt. Wie atmen Sie? Wie ist der Puls? Wie ist der Muskeltonus? Und jetzt denken Sie an etwas Schönes. Wie fühlt sich Ihr Körper jetzt an? Das Ergebnis ist bei allen Menschen gleich. Bei den unangenehmen Bildern wird die Atmung flach, der Puls geht schneller, die Muskeln verkrampfen sich. Das angenehme Bild verlangsamt den Atem, die Muskeln lockern sich, der Puls kommt zur Ruhe. Müssen wir uns immer nur etwas Schönes vorstellen, und schon geht es uns gut? &#8220;Natürlich nicht&#8221;, antwortet Luise Reddemann. &#8221; Aber wenn ich mir immer nur Unerfreuliches vorstelle, muss ich mich nicht wundern, wenn ich mich schlecht fühle.&#8221; Wer ohnehin belastet ist, findet oft keinen Ausstieg mehr aus dem Sorgenkarussell, hat nur noch belastende Bilder im Kopf und stellt sich vor, was noch alles schiefgehen könnte. &#8220;Deshalb mache ich Menschen Mut, sich auch mit dem Heilsamen zu beschäftigen. Und dabei helfen gute innere Bilder sehr.&#8221;<br />
Luise Reddemann spricht nicht nur aus therapeutischer, sondern auch aus persönlicher Erfahrung. &#8220;Bis vor 20 Jahren war ich ein total pessimistischer Mensch. Meine Gedanken und Bilder drehten sich ständig um das, was schrecklich und schlecht war.&#8221; Irgendwann hatte sie davon die Nase voll und sehnte sich nach einern leichteren Leben. &#8220;Dann habe ich verstanden, dass es nur leichter wird, wenn ich mich auch mit dem Leichten und Mühelosen beschäftige.&#8221; Aber das brauche eine klare Entscheidung. Es sei wie beim Muskeltraining: &#8220;Wenn wir den rechten Bizeps stark machen wollen, nutzt es nichts, wenn wir den linken trainieren. Genauso ist es mit den inneren Bildern. Wenn ich das Positive stärken will, darf ich mich nicht dauernd mit dem Negativen beschäftigen.&#8221; Neuere Ergebnisse der Hirnforschung belegen das. Beschäftigen wir uns ständig mit Unangenehmem, werden die Synapsen im Gehirn, die für unangenehme Gefühle zuständig sind, immer leistungsfähiger und die Synapsen, die für Zufriedenheit, Entspannung und Glück zuständig sind, immer schwächer.</p>
<p><span class="textanfang">W</span>ie stark die Vorstellungskraft wirkt, beweist eine Untersuchung, die Gerald Hüther gern zitiert: Eine hochschwangere Frau wird gebeten, sich intensiv an ein belastendes Ereignis zu erinnern. An eine Trennung, den Tod eines Elternteils oder eine andere Stresssituation. Durch Ultraschall wird das Baby in ihrem Bauch beobachtet. In dem Augenblick, in dem die Frau das belastende Bild in ihrem Kopf hat, erstarrt der Fötus. Hüther: &#8220;Durch das Bild wird das alte Gefühl in ihr wach. Es entsteht eine Kontraktion wie bei Angst. Die Bauchdecke wird hart, das spürt das ungeborene Kind. Es fühlt sich förmlich zusammengedrückt und hört auf, sich zu bewegen.&#8221; Wie sehr Imaginationen wirken können, hat Sabine Schade* erfahren, als ihr Leben auf Messers Schneide stand. Im Jahr 2002, fünf Monate nach der Geburt ihrer Tochter. wurde bei ihr Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert. Mit jedem Arztbesuch wurde ihre Prognose schlechter. Nach der Operation weinte sie tagelang. Lhre Gedanken kreisten nur noch um Krankheit und Tod. &#8220;lch hatte das Gefühl, keine Chance zu haben.&#8221; Nur wenn ihr Mann mit ihrer Tochter zu Besuch kam und sie mit dem Baby spielte. konnte sie sich entspannen. Und wenn sie Kassetten hörte, die sie auf Fantasiereisen schickten. &#8220;Wenn ich danach aufgewacht bin, fühlte ich mich ruhig und zuversichtlich und dachte, ich könnte es schaffen&#8221;, sagt Schade. Doch immer wenn die Ärzte sie mit der Statistik konfrontierten. durchfuhr wieder der Zweifel sie wie ein Blitz: &#8220;Wie kann ich nur so vermessen sein zu glauben, dass ausgerechnet ich es überlebe, so schlimm wie es mich erwischt hat?&#8221;<br />
Sabine Schade begann, mit einer Psychoonkologin zu arbeiten. Sie kannte die Bücher von Carl Simonton, dem Leiter eines Krebszentrums im kalifornischen Malibu. der bereits seit den 1970er Jahren mit Visualisierungen arbeitet. Anfangs empfahl der seinen Patienten, sich bewaffnete weiße Ritter vorzustellen, die die schwarzen Krebszellen mit ihren Schwertern vernichten. Von diesem martialischen Bild hat er sich inzwischen verabschiedet. Sabine Schade hatte sofort das Gefühl, dass sie ganz andere Bilder brauchte. &#8220;lch wusste. dass das nicht mein Weg sein kann. Ich habe immer die Ärmel hochgekrempelt und in meinem Leben viel gekämpft. Ich wollte nicht genauso weitermachen und schon wieder kämpfen.&#8221;<br />
Unterstützt von ihrer Therapeutin malte sie im Kopf die Bilder. die für sie und ihren Krankheitstyp stimmten. Schades Ärzte hatten immer von Schleimseen gesprochen, die der Krebs bildet. &#8220;Leh habe mir diese Seen vorgestellt, auf denen die Krebsknoten schwimmen. Die Sonne scheint darauf, das Wasser verdunstet, die Knoten trocknen aus und zerbröseln zu Staub.&#8221; Wenn es ihr schlechter ging, aktivierte sie dieses innere Bild, manchmal mehrmals am Tag. Auch für die Chemotherapie entwickelte sie eine Imagination, die die Therapeutin ihr auf. Kassette sprach. Während das Medikament in ihren Körper hineinlief, schloss sie die Augen. &#8220;Ich habe mir vorgestellt, das meine gesunden Zellen sich mit rosa Atemluft füllen und das Medikament nur die kranken Zellen angreift und um die rosa markierten einen Bogen macht.&#8221; Unter der Bestrahlung malte sie sich aus, dass ihre gesunden Zellen durch einen Sonnenschirm geschützt wären und nur ein bisschen schwitzten.</p>
<p><span class="textanfang">A</span>ls sich der Krebs trotz Chemotherapie dreimal verschlimmerte und klar war, dass keine neue Operation infrage kam, ließ Schade sich mit Hormonen behandeln und visualisierte täglich, wie die Knoten zerbröseln. Tatsächlich verschwanden alte drei in einem Zeitraum von neun Monaten. Sie konnte tasten wie sie kleiner wurden. Der Arzt hatte ihr gesagt, das Äußerste, was sie erwarten könne, sei Stillstand. &#8220;Doch das war mir zu wenig. Ich wollte sie weghaben.&#8221; Heute geht es ihr gut. &#8220;Ich bin mir sicher, dass die Visualisierungen mir das Leben gerettet haben. Trotzdem würde ich nie sagen, dass man es selbst in der Hand hat, ob man gesund wird oder nicht:&#8217; Visualisierungen und Fantasiereisen ersetzen natürlich keine medizinische Behandlung, aber sie können die Psyche stärken und den Heilungsprozess unterstützen. Deshalb arbeiten einige KIiniken neben anderen Angeboten wie Gesprächs- und Maltherapie auch mit geführten Imaginationen. Die Methode eigne sich allerdings nicht für jeden, sagt Luise Rcddcmann: &#8220;Wer denkt: ,Was für ein Quatsch&#8217;, für den ist sie auch nichts.&#8221; Sie fragt Patienten zunächst vorsichtig, ob sie sich als Kind gern an einen anderen Ort geträumt oder mit einem Engel gesprochen haben. Für kleine Kinder ist es völlig normal, unsichtbare Gefährten zu haben, die ihnen in schwierigen Situationen zur Seite stehen und sie beschützen. Erwachsene machen sich gern darüber lustig. In Krisensituationen aber erinnern sich manche daran und stellen sich einen Schutzengel, ein Krafttier oder ein anderes hilfreiches Wesen vor, das ihnen einen Tipp gibt, wie sie aus der verfahrenen Situation heil herauskommen.</p>
<p><span class="textanfang">S</span>elbst schwer traumatisierte Menschen, die immer wieder von quälenden Bildern überfallen werden, tragen in sich auch heilsame, die ein Gegengewicht dazu bilden können. Löschen lassen sich negative Bilder nicht einfach, das zeigt die Hirnforschung. Die Lebenskunst bestehe deshalb darin, die alten Bilder in einem neuen Licht zu betrachten, sagt Gerald Hüther. Denn Verschaltungsmuster im Gehirn ließen sich verändern. &#8220;Es gibt kein Leben ohne Krisen, Erschütterungen und schwerwiegende Misserfolge und Zusammenbrüche&#8221;, so der Hirnforscher. &#8220;Man darf sogar die Frage stellen, ob es möglich ist, dass Menschen weiter wachsen, wenn sie nicht hinfallen.&#8221; Nach seiner Erfahrung sind es gerade die Krisen, die uns unverwechselbar machen, weniger die Erfolge. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür hat der jüdische Neurologe und Psychiater Viktor Frankl gegeben, der drei Konzentrationslager überlebt hat. Später erzählte er, dass ihm ein inneres Bild geholfen habe, nicht zusammenzubrechen. Während er im Lager war, stellte er sich immer wieder intensiv vor, einen Vortrag zu halten über seine Erfahrungen und ein Buch darüber zu schreiben. Sein Buch &#8220;&#8230; trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager&#8221;, das er sofort nach seiner Befreiung durch die Amerikaner in wenigen Tagen schrieb und in dem er für einen Weg der Versöhnung plädierte, wurde in vielen Ländern ein Bestseller. Wenn es gelinge, die alten Bilder in einem neuen Licht zu sehen, passiere etwas im Gehirn, sagt Gerald Hüther. .,Wir rufen das alte Gefühl noch einmal wach und koppeln es nicht mit dem Negativen, sondern mit dem Positiven, also mit dem, was wir dadurch gelernt und gewonnen haben.&#8221; Hüther empfiehlt, regel mäßig Inventur zu machen bei den inneren Bildern, uns auch klar zu machen, mit welchen Bildern von uns selbst wir durchs Leben laufen. Und uns zu fragen, ob sie noch aktuell sind. Kommen wir uns in manchen Situationen immer noch vor wie hilflose Vierjährige ? Dann ist es an der Zeit, einen Realitätscheck vorzunehmen: Bin ich immer noch so hilflos? Sollte ich nicht allmählich das Bild des ohnmächtigen Mädchens. das wie angewurzelt vor dem tobenden Vater steht, renovieren und ihm einen zeitgemäßen Anstrich geben? &#8220;Die äußere Welt können wir nicht immer verändern, aber wir können jederzeit eine andere innere Welt erschaffen&#8221;, sagt Luise Reddemann. Sie selbst liebe Sonnenauf- und -untergänge über alles. &#8220;Und wenn ich gerade keine erleben kann, stelle ich sie mir eben vor. Das wirkt genauso.&#8221;</p>
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		<title>Ich kann mehr!</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Jul 2009 06:41:11 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Birgit Schönberger</dc:creator>
				<category><![CDATA[Psychologie]]></category>

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		<description><![CDATA[Jeder von uns hat viele Talente und Fähigkeiten. Aber leben wir die auch in unserem Berufsleben aus?
erschienen in: emotion 04/2008]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.birgit-schoenberger.de/pdf/ich_kann_mehr.pdf" title="Ich kann mehr! - pdf - 850 KB" target="_blank"><img class="pdf" src="http://www.birgit-schoenberger.de/graphics/pdf.png" alt="" /></a></p>
<p class="info">Jeder von uns hat viele Talente und Fähigkeiten.<br />
Aber leben wir die auch in unserem Berufsleben aus?<br />
Diese Frage sollten wir uns regelmäßig stellen, denn Karriereforscher wissen: Wer sich im Job unterfordert fühlt, wird krank.<br />
Experten verraten Ihnen, wie der Spagat zwischen Beruf und Berufung gelingen kann.</p>
<p>erschienen in: <a href="http://www.emotion.de" target="_blank" class="liexternal">emotion 04/2008</a><br />
Text: Birgit Schönberger</p>
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<p><span class="textanfang">S</span>pringen Sie morgens fröhlich aus dem Bett und freuen Sie sich auf den Tag, weil wieder so viel Aufregendes auf Sie wartet? Verdienen Sie Ihr Geld mit einer Tätigkeit, die Ihnen Spaß macht, Ihre Talente am besten zum Ausdruck bringt und Ihnen das Gefuhl gibt, einen wertvollen Beitrag fur die Gesellschaft zu leisten?<br />
Herzlichen Glückwunsch! Dann verwirklichen Sie in Ihrem Beruf auch Ihre Berufung und können diesen Text getrost beiseite legen. Wenn Sie weiterlesen, gehören Sie wahrscheinlich zu den Menschen, die das Gefühl haben: Mein Job ist ganz okay, aber glücklich bin ich damit nicht. Vielleicht waren Sie sich auch lange Zeit sicher, Ihren Traumberuf gefunden zu haben, aber in letzter Zeit fragen Sie sich oft am Morgen: &#8220;Will ich das wirklich noch 20 Jahre lang machen?&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">W</span>illkommen im Club! Jeder dritte Arbeitnehmer in Deutschland ist mit seiner Arbeit unzufrieden, belegt eine Studie, die der Deutsche Gewerkschaftsbund im September 2007 veröffentücht hat. Beklagt werden vor allem Zeit- und Leistungsdruck, fehlende Einfluss- und Entwicklungsmöglichkeiten und mangelnde Wertschätzung. Einen Ausweg aus der Frustfalle verspricht eine wachsende Zahl von Ratgebern, die Erfüölung im Beruf durch das Leben der eigenen Berufung in Aussicht stellen. So unterschiedlich deren Strategien auch sind, sie alle setzen voraus, dass jeder Mensch eine Berufung hat. Die Annahme lautet: Wer dieser Berufung folgt, wird mit mehr Lebensqualität und Erfolg belohnt, empfindet seine Arbeit als Energiequelle, hat das Gefühl, am richtigen Platz zu sein, und ist dadurch eine Bereicherung für andere. Die wichtigsten Wegweiser zur Berufung heißen Spaß, Interesse und Leichtigkeit. Wie bitte? Spaß? Groß geworden sind wir mit Glaubenssätzen wie &#8220;Erst die Arbeit, dann das Vergnügen&#8221; oder &#8220;Sei dankbar, dass du überhaupt einen Job hast. Arbeit ist nun mal kein Zuckerschlecken&#8221;.<br />
Für die meisten Menschen sind Arbeit und Leben zwei getrennte Welten. Doch wäre es nicht sinnvoll, mehr Leben in die Arbeit zu bringen? Schließlich verbringen wir die meiste Lebenszeit im Büro und nicht zu Hause oder im Urlaub. Berufungsskeptiker hingegen warnen davor, sich die Erfüllung von der Arbeit zu erhoffen, und halten Selbstverwirklichung im Job für ein Künstlerprivileg.</p>
<p><span class="textanfang">M</span>it dieser Einschätzung ist Barbara Henke, Autorin des Ratgebers &#8220;<a href="http://www.amazon.de/gp/product/3466367670?ie=UTF8&amp;tag=thrillsundmusikw&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3466367670" title="Barbara Henke: Finde Deine Berufung" target="_blank" class="liexternal">Finde deine Berufung!</a>&#8220;, gar nicht einverstanden:<br />
&#8220;Zur inneren Zufriedenheit ist es unbedingt notwendig, dass unsere Arbeit erfüllend ist und wir wenigstens einen Großteil unserer Talente in den Beruf einbringen können&#8221;, sagt die Autorin.<br />
Sie selbst war Schauspielerin und Tänzerin, bevor sie im zweiten Anlauf als Psychotherapeutin ihre Berufung fand. Seitdem ist sie zufriedener: &#8220;Ich habe jetzt viel mehr Kraft, Geduld, Vertrauen in mich selbst und meinen Lebensweg und Freude an meiner Arbeit.&#8221; Doch was ist Berufung überhaupt?<br />
Im religiösen Sinn ist damit der Ruf Gottes an einen Menschen gemeint, eine Aufgabe zu erfüllen. Henke drückt es in einem Bild aus: &#8220;Jeder Mensch trägt ein seelisches Potenzial in sich wie einen Samen, der aufgehen und zu einer Blüte heranwachsen möchte.&#8221; Sie sieht den Samen als eine Kombination aus genetischen Anlagen, Fähigkeiten, Talenten, Wissensgebieten und innerer Reife.<br />
Doch keine Angst: Sich auf die Suche nach seiner Berufung zu machen, bedeutet nicht zwangsläufig, den aktuellen Job zu kündigen, nur weil er sich gerade nicht so prickelnd anfühlt. Es kann auch helfen, die Abteilung zu wechseln, sich weiterzubilden oder Teile der Arbeit, die einem nicht liegen, zu delegieren. Entscheidend ist die Frage: Mache ich die falsche Arbeit oder haben sich die Rahmenbedingungen so verschlechtert, dass der Job mir keine Freude mehr bereitet? Manchmal ist es sinnvoll, einen Brotberuf beizubehalten und Schritt für Schritt etwas Neues aufzubauen. Eine Berufung kann sich auch in einem neuen Hobby oder einem Ehrenamt ausdrücken. Eine Sachbearbeiterin beim Finanzamt, die ihre eigentliche Berufung darin erkennt, anderen zu helfen, kann sich zum Beispiel nach Feierabend bei der Telefonseelsorge engagieren. Man könnte Berufung auch als Appell verstehen: Mach etwas aus dem, was dir in die Wiege gelegt wurde! Nutz deine Talente!<br />
&#8220;Klingt toll&#8221;, werden Sie jetzt denken. &#8220;Leider heiße ich nicht Nicole Kidman. Gewiss habe ich ein paar Fähigkeiten, aber keine herausragende Begabung. Zwar interessiert mich alles Mögliche, aber nichts fasziniert mich.&#8221; Diese Einwände hört die Frankfurter Karriereberaterin und Diplompsychologin <a href="http://www.coaching-up.de" title="www.coaching-up.de" target="_blank" class="liexternal">Angelika Gulder</a> oft. In hunderten von Workshops hat sie die Erfahrung gemacht, dass sich Begabungen und Interessen, die auf den ersten Blick diffus oder mittelmäßig wirken, doch präzisieren und zu einem konkreten Berufsbild zusammenfassen lassen. Allerdings sind dafür verschiedene Schritte notwendig</p>
<p><span class="textanfang">1</span><strong>SICH ZEIT UND RAUM NEHMEN</strong></p>
<p>Mal eben schnell am Wochenende auf die Suche nach seiner Berufung zu gehen, funktioniert nicht. Wer seinen Talenten auf die Spur kommen möchte, sollte sich auf eine längere Abenteuerreise einstellen. In der ersten Phase geht es nur darum, die eigenen Gefühle, Fantasien und Träume wahrzunehmen.<br />
Wohin zieht es mich? Wofür stehe ich morgens gern früh auf? Was macht mich glücklich? Welche gesellschaftlichen Veränderungen würde ich anstoßen, wenn ich die Macht dazu hätte? Was würde ich studieren, wenn ich alles Geld der Welt hätte?<br />
Mit solchen Fragen arbeitet Angelika Gulder in ihren Seminaren. &#8220;Ich lasse meine Teilnehmer aufschreiben, was sie am liebsten tun, was sie gern lesen, worüber sie ein Buch schreiben und welchem Hobby sie sich widmen würden, wenn sie genügend Zeit hätten.&#8221; Stehen alle Antworten auf einem Blatt, lasse sich leicht ein roter Faden erkennen. &#8220;Man kann dann unterscheiden zwischen einem oberflächlichen Hobby und einem tiefergehenden breiten Interesse.&#8221; Der rote Faden kann zum Beispiel Persönlichkeitsentwicklung, Organisation, Begeisterung für Technik oder Interesse an Geschichte sein.<br />
Erst viel später komme ein Brainstorming zu möglichen Berufsfeldern und noch viel später der konkrete Realitätsabgleich und eine geeignete Bewerbungsstrategie.</p>
<p><span class="textanfang">2</span><strong>EINEN FRISCHEN BLICK RISKIEREN</strong></p>
<p>&#8220;Wichtig ist, dass wir den .Mut haben, eingefahrene Denkmodelle aufzugeben, die uns vorschreiben wollen, wer oder was wir sein sollten&#8221;, sagt die Psychotherapeutin Barbara Henke. Dazu gehört Mamas gut gemeinter Rat &#8220;Werd doch Grundschullehrerin, das ist am besten mit Familie zu vereinbaren&#8221; ebenso wie Papas apodiktisches Lebensmotto &#8220;&#8216;Was man einmal angefangen hat, führt man auch zu Ende&#8221;. Nur wer einen frischen Blick auf sich selbst riskiert und lernt loszulassen, kann neue Ideen zulassen. Henke glaubt, dass jeder Mensch zu einem bestimmten Wissensgebiet passt: Das kann etwa Gesundheit, Kommunikation, Geschäftsführung, Erziehung oder Technologie sein.<br />
&#8220;Etwas in uns erwacht, fühlt sich angesprochen, wird lebendig und freudig.&#8221; Das kann wie eine Initialzündung wirken. Die Pharmareferentin Martina Schmidt erinnerte sich in einem Berufungsworkshop an ihren Kindheitstraum, Tierärztin zu werden. Ihre Eltern hatten ihr kurz zuvor ein Haus vererbt, das Erdgeschoss stand leer. Und plötzlich lag die Lösung auf der Hand. Sie eröffnete im Parterre eine Hundepension, um die Ausbildung zur Tierheilpraktikerin zu finanzieren. Besonders wenn ein Job krank macht und/oder gar nicht zu den eigenen Werten passt, ist es höchste Zeit für eine grundlegende Wende. &#8220;Manchmal fließen in meinen Seminaren auch Tränen. Wenn zum Beispiel eine Teilnehmerin herausfindet, dass ihre wichtigsten Lebensmotive Freiheit und Gerechtigkeit sind, sie aber in einem Konzern sitzt, in dem jede Woche gute Leute entlassen werden und wo sie sich fühlt wie im Gefängnis, dann ist sie dort definitiv am falschen Platz&#8221;, sagt Karrierecoach Angelika Gulder.</p>
<p><span class="textanfang">3</span><strong>SICH DER ANGST VOR VERÄNDERUNG STELLEN</strong></p>
<p>&#8220;Angst ist grundsätzlich etwas Gesundes&#8221;, glaubt die Expertin. &#8220;Sie hält uns davon ab, über Nacht alles hinzuschmeißen, nur weil wir gerade eine schlechte Phase im Job haben! Wenn die Angst uns jedoch daran hindert, das zu tun, was wir wirklich wollen, wird sie kontraproduktiv.&#8221; Im Coaching ermuntert Gulder ihre Klienten mit einem Experiment:<br />
&#8220;Wir gehen einfach mal davon aus, es gäbe eine Möglichkeit, wie Sie auf leichte Art und Weise Ihr Ziel erreichen, ohne dass Sie gleich Ihr ganzes Leben aufden Kopf stellen müssen. Sie können Schritt für Schritt mehr von dem, was zu Ihnen passt, in Ihr Leben bringen.&#8221;<br />
Ein Bankangestellter fand so heraus, wie wichtig für ihn Kreativität ist. Er reduzierte seine Arbeitszeit und fing neben seinem Beruf an zu malen. Oft entlastet es auch, sich klarzumachen, dass es viele Berufe gibt, in denen man seine Berufung zum Ausdruck bringen kann. &#8220;Ein Mensch, dessen Wunsch es ist, Schönes in die Welt zu bringen, kann das zum Beispiel als Florist, Visagist oder Innenarchitekt tun&#8221;, sagt Angelika Gulder. Es gibt so viele Möglichkeiten.</p>
<p><span class="textanfang">4</span><strong>EINEN LANGEN ATEM HABEN</strong></p>
<p>Die ersten Schritte, beobachtet Gulder, sind die schwersten. &#8220;Anfangs ist alles wackelig, wir sind ängstlich und haben keine Balance, aber je mehr wir tun, um uns unserer Berufung zu nähern, desto dynamischer wird unsere Bewegung.&#8221; Dranbleiben und nicht gleich aufgeben, wenn die ersten Hindernisse auftauchen, ist auch für Barbara Henke das Wichtigste.<br />
&#8220;Wenn mal etwas nicht sofort klappt, sollte man das nicht als Zeichen missverstehen, dass man auf dem falschen Weg ist.&#8221; Die Suche nach der Berufung sei noch keine Garantie dafür, dass alle Türen von selbst aufgehen. &#8220;Es kann auch Momente geben, in denen man nur auf Widerstand stößt und sich plötzlich wie ein Außenseiter vorkommt.&#8221;</p>
<p><span class="textanfang">5</span><strong>FALLSTRICKE ERKENNEN</strong></p>
<p>Auch wenn man seine Berufung gefunden hat, gibt es einige Fallen. Die erste Falle heißt: Sturköpfigkeit. Wer erkannt hat, dass seine Berufung darin liegt zu heilen, aber eine Bankfiliale leitet und Kinder zu versorgen hat, sollte sich nicht auf den Arztberuf fixieren. Eine Möglichkeit wäre zu überlegen: Wie kann ich das Thema Gesundheit in meinem Unternehmen voranbringen? Die zweite Falle ist: Vermeidung. Man kann viele Jahre damit verbringen, auf die beste aller Stellen zu warten. In der Zwischenzeit vergeudet man die Chance, Erfahrungen zu sammeln und Kontakte zu knüpfen.<br />
Die dritte Falle: Aufopferung. Wer sich rund um die Uhr um die Verwirklichung seiner Berufung kümmert, der setzt seine Gesundheit aufs Spiel. Die Berufung muss auch zu den übrigen Bedürfnissen passen. Die vierte Falle heißt Vereinzelung: &#8220;Es geht nicht darum, dass man sich als Egoist allein durchkämpft, sondern darum, Konkurrenzängstezu überwinden und seine Berufung in Gemeinschaft zu leben&#8221;, sagt Henke. Sie ist überzeugt davon, dass es sich lohnt, diesen Weg zu gehen.</p>
<p>Schon der Philosoph Konfuzius riet:<br />
&#8220;Wähle einen Beruf, den du liebst, und du musst keinen einzigen Tag in deinem Leben mehr arbeiten.&#8221;</p>
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