Der Seele wieder Halt geben
Die Ärzte in der Klinik Heiligenfeld beschreiten bei der Behandlung von Depression und Ängsten ungewöhnliche Wege:
Gemeinschaftserfahrung, Meditation und Anstöße zur Sinnsuche sollen ihren Patienten helfen, Lebensfreude und das Gefühl für sich selbst neu zu entdecken.
Die Methode zeigt erstaunlichen Erfolg.
erschienen in: stern Gesund Leben 10/2007
Text: Birgit Schönberger
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Erwartungsgeladene Stille im runden Gruppenraum der Fachklinik Heiligenfeld. 70 Männer und Frauen sitzen im Kreis. “Wer möchte etwas mitteilen?”, fragt Chefarzt Volker Kollenbaum. Eine etwa 40-jährige Frau mit schulterlangen braunen Haaren geht in die Mitte, trippelt nervös von einem Fuß auf den anderen, atmet tief ein und fängt an zu sprechen. “Mir ist in dieser Woche klar geworden, woher meine Depression kommt. Ich habe mich in meinem Leben immer versteckt und so getan, als sei ich gar nicht da”. Ihre Stimme zittert, sie schaut auf den Boden. “Ich bin nie richtig erwachsen geworden. Auch aus meinem Elternhaus habe ich mich rausgeschlichen und nie einen Schlussstrich gezogen. Das möchte ich jetzt nachholen mit eurer Hilfe.” Sie geht auf einen Mann und eine Frau zu. “Würdet ihr bitte in die Rolle meiner Eltern schlüpfen?” Andere fordert sie auf, sich in Zweiergruppen im Raum aufzustellen und mit den Armen Hausdächer zu bilden. Dann legt sie ein buntes Tuch auf den Boden als Symbol für die Schwelle zum Erwachsenwerden, verabschiedet sich sichtlich nervös von den “Eltern” und geht prüfend und suchend unter den “Häusern” hindurch. Ihre Gesichtszüge verraten: Was sie da tut, ist ein Kraftakt. Nach minutenlanger Suche huscht ein Lächeln über ihr Gesicht, sie setzt sich auf den Boden und weint. Vor Freude, ihren Platz gefunden zu haben. Im Raum ist es mucksmäuschenstill. Der zerbrechlich wirkende junge Mann, der als Nächster in die Mitte tritt, wünscht sich, getragen und gewiegt zu werden. Zwanzig Patienten stehen auf, bilden mit ihren Armen ein Bett, wiegen ihn und singen leise ein Kinderlied. La-Le-Lu.
In der Fachklinik Heiligenfeld für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im unterfränkischen Kurort Bad Kissingen setzen die Ärzte bei der Behandlung von Depressionen, Angsterkrankungen und anderen seelischen Störungen auch auf die Kraft von Ritualen. Einmal in der Woche kommen die Patienten für zwei Stunden zum sogenannten Patientenforurn zusammen. Jeder kann sich melden, um für zehn Minuten in die Mitte zu treten und die Mitpatienten um Unterstützung zu bitten für einen neuen mutigen Schritt. Oder sich, wie der junge Mann, wiegen lassen. Doch was nützt es einem schwer Depressiven, der sich vor drei Wochen noch umbringen wollte, wenn er wie ein Baby geschaukelt wird?
Was Aussenstehenden wie ein rührendes Kinderspiel vorkommen mag, sei ein zutiefst heilsamer Prozess, erklärt Volker Kollenbaum, Chefarzt der Fachklinik. “Nachreifen” nennen er und seine Kollegen das: Wer beispielsweise als Kind Geborgenheit und Wärme schmerzlich vermisst habe, könne diese Erfahrung mit Hilfe eines solchen symbolischen Akts nachholen: Sich fallen lassen und aufgefangen werden – das zu spüren sei hilfreich, um das Vertrauen ins Leben wieder zu stärken. Solche Rituale wirkten auch noch Monate danach weiter, sagt Kollenbaum: “Was die Menschen beim Patientenforum erlebt haben, vergessen sie nicht wieder.”
Immerhin berichten zwei Drittel dieser Patienten von einer deutlichen Verbesserung ihrer Lebensqualität. Untersucht hat das die Universität Oldenburg, die das Heiligenfelder Konzept wissenschaftlich begleitet: 2300 Patienten aus sechs Entlassungsjahrgängen wurden nach persönlichen Beziehungen, Zufriedenheit mit dem gegenwärtigen Leben und Entwicklung der Beschwerden befragt. Demnach ist die Klinik vor allem bei der Behandlung von Depressionen sehr erfolgreich: Bei 77 Prozent konnte eine “hohe Symptomentlastung” erzielt werden. Viele Menschen, die an Depressionen, Sinnkrisen oder Ängsten leiden, ziehen sich aus Scham immer weiter zurück und entwickeln das Gefühl, aus allen sozialen Bezügen zu fallen. Viele, erklärt Kollenbaum, hätten sich noch nie irgendwo wirklich zugehörig gefühlt. “Sich in der Großgruppe zu zeigen, stärkt in ihnen die Empfindung, zu einer Gemeinschaft zu gehören und in einen größeren Zusammenhang eingebettet zu sein. Das ist eine völlig neue Erfahrung, die sie als kolossal heilsam erleben.”
Das Wort Gemeinschaft wird in Heiligenfeld groß geschrieben. Ebenso die Begriffe Achtsamkeit und Respekt. Die Patienten werden ermuntert, Anteil zu nehmen. einander zu helfen und zuzuhören, Trost zu spenden oder sich mitzufreuen, wenn ein Mitpatient etwa seine Angst, in einen Aufzug zu steigen. besiegt. Jeder gehört zu einer Kerngruppe. in der acht bis zehn Menschen mit unterschiedlichen Krankhei sbildern zusammenkommen und sich gegenseitig unterstützen. Viermal in der Woche trifft sich die Gruppe zur Therapie. Insgesamt sind 30 Therapiestunden die Woche vorgesehen. Das ist deutlich mehr als in den meisten vergleichbaren Kliniken. Natürlich erhalten die Patienten auch Medikamente. wenn es nötig ist. Natürlich werden auch klassische psychotherapeutische Verfahren wie Verhaltens- und tiefenpsychologische Gesprächstherapie angewendet. Doch nach Erfahrung von Joachim Galuska, dem ärztlichen Leiter der Klinik, reichen diese Methoden oft nicht aus, um Betroffenen wieder zu seelischem Halt und Lebensfreude zu verhelfen. “Ganzheitlich” betrachten die Heiligenfelder Ärzte ihre Patienten: “Wir versuchen, den Menschen möglichst umfassend zu verstehen und ihm Angebote zu machen, die alle seine wichtigen Dimensionen berühren. Dazu gehört auch seine Spiritualität.”
Spiritualität – Das Wort ruft bei vielen Unbehagen hervor. Spiritualität werde oft mit Esoterik oder religiöser Einengung verwechselt, sagt Chefarzt Volker Künbaum. “Für uns bedeutet es schlicht: Wir unterstützen die Patienten, sich mit der Frage zu beschäftigen, was ihr Leben sinnvoll machen könnte. Ganz konkret und praktisch.” Deshalb stehen auch keine Fernseher in den Zimmern. Statt abends durch die Programme zu zappen, sollen sich die Patienten etwas einfallen lassen. Gitarre spielen, singen, einen Tanzabend organisieren, sich gegenseitig etwas vorlesen, zur Meditation gehen, ein großes Bild malen, ein Lied für den Patientenchor dichten, gemeinsam eine Skulptur gestalten, die die Mitte des Gruppenraums schmückt. Die Öffnung der Behandlung für spirituelle Aspekte und nicht alltägliche Erfahrungen bringe eine zusätzliche Kraft in die Therapie, bestätigt Wilfried Belschner, Psychologieprofessor und Leiter der Oldenburger Begleitstudie. Welchen Sinn hat mein Leben? Wer bin ich? Was gibt mir Halt? Diese Fragen werden seelisch erkrankten Menschen oft zur Dauerqual, nähren Angst und Hoffnungslosigkeit. Genau da setzen die Heiligenfelder Ärzte an.
Cosima Schmidt*, 37, war am ersten Kliniktag fest davon überzeugt, dass sie es niemals schaffen würde, mit anderen zu tanzen. Die Werbefachfrau kam in die Klinik, weil sie wegen heftiger Panikattacken nicht mehr arbeiten konnte. Die ersten Tage empfand sie als Hölle. “Ich war so fertig, dass ich mir nicht einmal zutraute, in den Park zu gehen.” Eines Nachmittags fragte eine Krankenschwester, was ihr jetzt gut tun könnte, ob sie vielleicht ein Hobby habe. “Hobby? Ich hab die Frage erst gar nicht verstanden. Mir fiel absolut nichts ein. Da ist mir klar geworden, dass ich mich total vernachlässigt hatte.” Cosima Schmidt raffte sich auf, ging zur Tanztherapie – und spürte zum ersten Mal nach Jahren wieder so etwas wie Leichtigkeit. “Einfach sein. Ich wusste gar nicht mehr, wie das geht.” In der Gruppentherapie erkannte die Mutter eines vierjährigen Sohnes, wie sich die Schlinge der Angst immer mehr um ihren Hals gelegt hatte. “Ich wollte alles auf einmal schaffen. Berufseinstieg, Familiengründung, Hausbau. 1m Job musste ich immer mehr Verantwortung übernehmen. Ich hatte keine Freizeit mehr. Als der Stress zu groß wurde, konnte ich meine Ängste nicht mehr regulieren.”
Der Knoten platzte, als die Therapeutin mit ihr auf einen Balkon im vierten Stock ging. Sie sollte sich mit ihrer Höhenangst konfrontieren. “Im Nachhinein bin ich der Therapeutin dankbar, dass sie so streng mit mir war und mich hochgeschickt hat.” Erst bekam sie eine schreckliche Panikattacke. Dann erlebte sie eine überraschung. “Meine Angst verwandelte sich in Wut. Ich war total wütend auf das Leben und dachte: Was soll das alles? Mein Bruder ist mit 24 an Krebs gestorben. Mein Onkel hat sich umgebracht. So etwas darf es doch nicht geben.” Dass ihre Angstzustände nicht nur rnit dem Arbeitsstress, sondern auch mit dem unverarbeiteten Tod ihres Bruders zusammenhängen, ahnte sie schon länger. “Ich habe verstanden, dass meine Wut eine Anmaßung ist. Statt das Schicksal zu akzeptieren, erhebe ich mich darüber. Ich schade mir selbst, wenn ich dauernd dagegen ankämpfe, dass der Tod zum Leben gehört. All die Jahre Psychoanalyse, die ich hinter mir habe, haben mich nicht zu dieser entscheidenden Erkenntnis gebracht.”
Donnerstagmorgen 8 Uhr 30: Hundert Frauen und Männer sitzen mit geschlossenen Augen auf Meditationskissen und konzentrieren sich auf den Atem. Einatmen, ausatmen, spüren, wie sich die Bauchdecke hebt und senkt, nur das ist jetzt wichtig. Einführung in die Achtsamkeitsmeditation. “Wir wollen Sie zu nichts zwingen. Wir möchten Sie einfach informieren über eine nüchterne Methode, wie Sie Körper und Geist zusammenbringen, zur Ruhe kommen und Einsichten in Ihre Blockaden gewinnen können”, erklärt der Therapeut Werner Beutler. Die Konzentration auf den Atem soll helfen, das ständige Grübeln, die quälenden Erinnerungen an eigenes Versagen zu stoppen und sich in die Gegenwart zurückzuholen. Cosima Schmidt haben diese Sitzungen sehr gut getan. Wenn sie sich auf den Atem konzentriert, kann sie die Angst reduzieren. Während einer geführten Meditation hat sie gelernt, wieder Entschlossenheit und Mut zu fassen. “Wir sollten uns vorstellen, dass wir nur noch wenige Monate zu leben hätten und uns fragen, wohin wir noch reisen und was wir noch machen möchten. Da ist mir schlagartig klar geworden, dass ich durch meine Ängste jetzt schon so tue, als wäre ich tot. Es ist Zeit, dass ich anfange zu leben.” Manche erleben in der Rhythmustherapie Taketina, bei der sich bis zu 70 Menschen im Takt des Herzschlags bewegen, ein überwältigendes Gefühl von Geborgenheit und Kraft. Andere spüren bei der stillen Meditation zum ersten Mal wieder ihren Körper oder können in der Gruppe “Heilkraft der Stimme” endlich weinen.
Als Karlheinz Kaufmann* in Heiligenfeld ankam, hatte er zwei Handys dabei und einen Communicator mit Fax und Internetanschluss. Hektisch rannte er umher und kam sich verloren vor ohne Termine. Der Arzt fragte ihn: “Was wollen Sie hier?” – “Ich brauche einen Sinn”, antwortete er. “Was sind Sie bereit zu geben?”, fragte der Arzt zurück. “Alles”, sagte der 43-Jährige. “50 Leute saßen um mich herum, und ich, der große Herr Direktor, konnte nicht mehr aufhören zu weinen.” Äußerlich, erzählt Kaufmann, war sein Leben ein Traum: Eine Viertel Million Euro Jahresverdienst, ein Porsche in der Garage, eine nette Frau, drei erwachsene Kinder, eine Wohnung mit wunderbarer Aussicht. Doch innerlich fühlte er sich vollkommen leer. Er bekam das Angebot, eine Fusion zu leiten, und merkte zu spät, dass ihn der Job überforderte. “Ich habe meine ganze Familie entwurzelt, bin 400 Kilometer weggezogen, nur um endlich Direktor zu werden.” Dass seine Hauptaufgabe darin bestand, möglichst viele Mitarbeiter zu entlassen, wurde ihm erst allmählich klar. Zuerst streikte sein Körper. “Jeden Morgen nach dem Aufwachen war mir kotzübel.” Er hörte auf zu rauchen, doch die Übelkeit ging nicht weg. Seine Nasennebenhöhlen waren ständig vereitert. “Abends war ich todmüde und habe Rotwein in mich reingeschüttet. Es sollte mich bloß keiner mehr ansprechen.” Freunde hatte er nicht mehr. Kollegen ging er aus dem Weg. “Was hätte ich auch sagen sollen? Dass ich zu schwach bin, die Zahlen zu bringen, die der Vorstand will?” Aus Angst, seine Stellung zu verlieren, machte er weiter, trotz Herzrasen und Dauererschöpfung. Bis er irgendwann spürte, dass “in mir etwas zerreißt”
In Heiligenfeld hat Karlheinz Kaufmann seine Sehnsucht nach Stille entdeckt. Die Gruppengemeinschaft erlebt er als besonders heilsam. “Es ist so schön, dass ich hier von den anderen getragen werde.” Für ihn, der zum Schluss gar nicht mehr wusste, wem er in der Firma noch vertrauen konnte, ist das eine neue Erfahrung. Schwäche zu zeigen ohne Angst, dass ein Konkurrent das eiskalt ausnützen könnte. “Ich habe hier gelernt zu schauen: Was kommt von Herzen? Was erfüllt mich wirklich?” Noch weiß er nicht genau, was das ist. Doch eins ist klar: In die Firma wird er nicht zurückkehren. In den stillen Morgenmeditationen hat er sich wieder daran erinnert, wie wunderschön er es als Kind fand, wenn seine Großmutter abends betete. “Der Herr ist meln Hirte. Mir wird es an nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führt mich zum frischen Wasser.” “Den Psalm habe ich hier wiederentdeckt. Er gibt mir Kraft.” Vorher hätte er nicht zuzugeben gewagt, dass ihn solche Sätze rühren. In der Welt, in der er sich bewegte, hätte man ihn ausgelacht.
Natürlich wissen die Ärzte und Therapeuten um die Grenzen ihrer Methode. “Es gibt sehr schwere Formen von Depressionen, die Psychotherapie nicht heilen kann. Da nützt auch Meditation nichts, da helfen nur Medikamente”, sagt Erwin Schmitt, Chefarzt der angegliederten Parkklinik Heiligenfeld, in der Privatversicherte und Selbstzahler behandelt werden. Wer sich jedoch gerade von einer akuten Depression erhole, könne etwa mit der Achtsamkeitsmeditation das Risiko für einen erneuten Rückfall fast um die Hälfte senken. Schmitt bringt das Konzept der Kliniken Heiligenfeld auf eine simple Formel: Hilfe bei der Wiederentdeckung des “Bauchgefühls”. Gerade Menschen mit Depressionen hätten den Kontakt zu diesem Teil ihrer ureigensten Empfindungen verloren. “Ich zeige den Patienten zum Abschied eine einfache Methode, die ihnen im Alltag hilft, ihre Intuition zu spüren. Sie sollen sich vorstellen, sie hätten unterhalb des Nabels eine aufladbare Batterie für Lebensenergie, die sie zum Beispiel mit Licht füllen können.” Schmitt hat damit sehr gute Erfahrungen gemacht, auch bei sich selbst. “Ich sage allen: Nehmen Sie das ernst, das ist keine Spielerei, sondern eine hoch wirksame Imagination, die Ihnen hilft, gesund zu bleiben.” Unten im Foyer singt der Patientenchor für die, die heute nach Hause gehen, “Que sera sera”. Die Umarmungen sind lange, herzlich und tränenreich. Ein letztes “Viel Glück. Mach’s gut. Lass dich nicht unterkriegen.” Draußen wartet der Alltag.
* Namen von der Redaktion geändert, die Berufsbezeichnungen sind verfremdet

