Ein Haus für Aussteiger
Die Oberbergkliniken sind auf die Behandlung Süchtiger spezialisiert.
Egal ob Trinker, Junkie oder Workaholic, alle Patienten werden mt einer Hochdosis Psychotherapie traktiert. Die Folge: Viele entdecken staunend, wie erhebend es ist, wieder die eigenen Gefühle zu spüren.
erschienen in: stern Gesund Leben 05/2008
Text: Birgit Schönberger
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Eben noch hing eine unsichtbare Wolke aus Scham, Selbstanklage und Resignation in der Luft. Jetzt entspannen sich die Gesichter im Therapieraum.
Bernd Sprenger, Chefarzt der Oberbergklinik im brandenburgischen Wendisch Rietz, hat in der Suchtgruppe ein Bonmot der Anonymen Alkoholiker eingestreut: “Jeder hat einen Grund, warum er anfängt zu saufen. Am Ende sind es sieben: Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag.”
Heftiges Nicken, Schmunzeln, Lachen. Und gleichzeitig Erschrecken. Weil der Spruch das ganze Drama auf den Punkt bringt.
WWer in die Privatklinik am idyllischen Glubigsee etwa 70 Kilometer südöstlich von Berlin kommt, ist am Ende und weiß nicht mehr, wie es angefangen hat, das exzessive Trinken, der Tablettenmissbrauch, der Kaufzwang, die Spiel- oder Arbeitssucht.
Die drei Oberbergkliniken in Deutschland behandeln auch andere psychische und psychosomatische Erkrankungen. Bekannt sind sie aber vor allem für ihr zeitintensives und auf die Persönlichkeit der Patienten abgestimmtes Suchttherapiekonzept.
Entwickelt hat es der Klinikgründer Matthias Gottschaldt. Der Mediziner, der mit 34 Chefarzt und mit 36 Professor wurde, kam mit dem frühen Erfolg und der enormen Arbeitsbelastung nicht klar. Er wurde alkoholabhängig und arbeitsunfähig.
Nach mehreren vergeblichen Therapieversuchen unterzog er sich einer langen stationären Behandlung. Aufbauend auf seinen Erfahrungen entwickelte er sein Entwöhnungsmodell, das tiefenpsychologische, verhaltens-, familien- und körpertherapeutische Elemente kombiniert.
Das zeitintensive Programm schließt sich nahtlos an die Entgiftung an.
Beate Schusters* Tag beginnt um sieben Uhr mit Frühsport in der Gruppe: Walking, Stretching, leichte übungen für den Kreislauf. Danach hat die 50-jährige Lehrerin rote Backen und Energie, ihrem Dämon zu begegnen. Um acht Uhr beginnt das Therapieprogramm mit einer Doppelstunde in der Gruppe, gefolgt von einer Einzelstunde. Insgesamt 30 Wochenstunden umfasst die Psycho- und Körpertherapie.
Abends spielt Beate Schuster manchmal mit anderen Patienten Volleyball draußen am Seeufer, doch meistens nutzt sie die Zeit allein in ihrem Zimmer, um alles sacken zu lassen und weiter den umfangreichen Fragebogen zu ihrer Lebensgeschichte auszufüllen. Da ist so vieles, was sie noch nicht versteht.
Fast 20 Jahre lang hat sie getrunken. War sie traurig, einsam, überfordert vom Schulalltag? Sie weiß es nicht. In der Therapie versucht sie, sich selbst auf die Spur zu kommen, sie will herausfinden, wonach sie sich eigentlich gesehnt hat, wenn sie zur Bierflasche griff.
“Heute bin ich einen großen Schritt weitergekommen”, sagt Schuster erleichtert. “Mir ist klar geworden, dass ich immer alles allein schaffen muss. Mein Therapeut meinte eben, ich wolle sogar noch meinen Sargdeckel alleine schließen.” Sie muss über sich selbst lachen.
Nach dem Mittagessen geht sie zum Entspannungstraining. Mit der rechten Hand ballt sie eine Faust und lässt sie beim Ausatmen wieder los. Dann spannt sie den Oberarm an und lässt los, dann das rechte Bein, bis sie von Kopf bis Fuß entspannt ist. Was sie bei der Progressiven Muskelentspannung nach Jacobson lernt, klingt simpel: Spannung und Entspannung im Körper spüren und bewusst herbeiführen.
Doch für Beate Schuster ist diese Erfahrung ein entscheidender Mosaikstein in ihrem Therapieplan.
Bevor sie in die Klinik kam, konnte sie ihren Unterricht nur noch vorbereiten, wenn sie dabei trank. “Ich hatte Alkohol benutzt, um mich anzutreiben. Wenn ich abends am Schreibtisch saß und mich zu müde zum Arbeiten fühlte, habe ich mich mit Bier motiviert und war plötzlich kreativ.”
Am Ende waren es drei Liter pro Abend. “Irgendwann stellte ich fest, dass ich gar nicht mehr nur trank, wenn ich die Müdigkeit vertreiben wollte. Ich trank, weil ich einen guten Tag verbracht hatte, weil ich nicht einschlafen konnte, weil ich frei hatte. Es gab die unterschiedlichsten Gründe, mit denen ich meinen Alkoholkonsum vor mir rechtfertigte.”
Sie bemerkte, dass sie nach einem Glas nicht aufhören konnte, wie es gesunde Menschen können.
“Ich musste meinen Pegel erreichen, und die Alkoholtoleranz stieg schleichend an.”
Dann fiel ihr auf, dass sie unterschiedliche Geschäfte ansteuerte, um ihren Alkoholvorrat zu beschaffen. “Damit niemand auf die Idee käme, dass ich alkoholabhängig sein könnte.” In dem Moment sei ihr bewusst geworden, wie viel Zeit und Gedanken sie dafür aufwendete, Alkohol zu besorgen. Sie vermutete, abhängig zu sein.
Und in Beate Schuster reifte der Entschluss, sich helfen zu lassen.
SSeit zehn Wochen ist sie jetzt trocken. Wenn man von dem Rückfall absieht, den sie vor Kurzem “gebaut” hat. Sie war im sogenannten Belastungsurlaub zu Hause. Es gehört zum Klinikkonzept, dass die Patienten mehrere Tage auf Probe nach Hause gehen. Beate Schuster fuhr voller Optimismus in ihre Wohnung.
Doch dann setzte das süchtige Denken ein. “Ich redete mir ein, dass ein Rückfall doch kommen müsse. Den wollte ich in der Belastung sozusagen ausprobieren.” Sie kaufte exakt die Menge Bier, die sie immer getrunken hatte. “Es war eindeutig ein Rückfall, aber ich wollte es mir nicht eingestehen. Ich dachte, wenn ich meinen Rückfall kontrollierte, sei es ja eigentlich keiner”, erzählt sie später in der Gruppe.
Die anderen nicken wissend. Erst danach war sie bereit, den Abschiedsbrief an den Alkohol zu schreiben, der allen Patienten nach dem Entzug empfohlen wird.
Der Brief ist ein wichtiger Schritt, auf den in der Einzel- und Gruppentherapie hingearbeitet wird. Manche brauchen Wochen dafür, andere schreiben ihn in wenigen Minuten. Wenn er in der Gruppe vorgelesen wird, ist das ein aufregender, meist tränenreicher Moment.
“Lieber Alkohol, du warst mein bester Freund und mein schlimmster Feind … ”
DDamit der Abschied tatsächlich gelingt, “packen” alle Patienten in der Präventionsgruppe einen persönlichen sogenannten Notfallkoffer mit Erste-Hilfe-Mitteln für Stresssituationen. Der “Koffer” ist ein Blatt Papier mit Notizen. Darauf steht zum Beispiel: “Bernd anrufen, Tel.: 375648, ein Glas Wasser trinken, aufs Fahrrad steigen und mich abreagieren, in einer stressigen Sitzung auf die Toilette gehen und tief durchatmen… ”
Klaus Gresser, leitender Oberarzt, impft seinen Patienten ein, diesen Zettel immer bei sich zu haben. “In emotional belastenden Situationen, wenn Suchtdruck auftritt, vergessen Menschen, was sie gelernt haben.” Er vergleicht ihn mit einer externen Festplatte, auf die man immer zugreifen kann, wenn die innere Festplatte im Gehirn blockiert ist.
Für die Ärzte ist ein Rückfall keine Katastrophe, weil er die Chance bietet, im Detail zu rekonstruieren, wie es dazu kam. “Der Rückfall beginnt lange vor dem ersten Glas”, sagt Bernd Sprenger. “Wir arbeiten mit den Patienten daran, dass sie erkennen, wann genau sie die Kontrolle verlieren und was die ersten Anzeichen dafür sind.”
Das Tückische ist: Die Sucht mogelt sich am Verstand vorbei. Stellt man sich den Körper als Haus vor, dann passiert das, was den Rückfall auslöst, ganz unten im Keller, wo kein Licht hinkommt. Das erklärt, warum manche Patienten in die Klinik zurückkommen und sagen: Plötzlich war ich betrunken, ich weiß nicht, wie es passiert ist.
Aus der Hirnforschung weiß man, dass das, was für den erneuten Griff zum Suchtmittel entscheidend ist, im Zwischenhirn passiert, wo die Emotionen gesteuert werden. Die rein rationale Erkenntnis, dass Alkoholmissbrauch auf Dauer den Körper ruiniert, die Familie kaputt macht und den Job gefährdet, bewirkt überhaupt nichts.
“Typisch für Suchtkranke ist, dass sie kein Gefühl dafür haben, was sie aus der Bahn wirft, traurig oder wütend macht”, sagt Bernd Sprenger. Die Therapeuten der Klinik konzentrieren sich auf das “emotionale Profil”: Sie gehen davon aus, dass jeder Mensch eine eigene, unverwechselbare Art hat, auf Stress, Kränkungen, Niederlagen, Erfolge und Überraschungen zu reagieren.
Die Patienten sollen üben, ihre Verhaltensmuster zu spüren und zu erkennen.
Jede Gruppensitzung wird mit einer Befindlichkeitsrunde eröffnet. Rainer Mettmann* war damit anfangs überfordert. Der 45-jährige Wissenschaftler hatte sich so daran gewöhnt, alles mit sich allein auszumachen, dass er Sätze wie “Ich bin total niedergeschlagen” oder “Ich habe eine Riesenwut im Bauch” nicht über die Lippen brachte.
Jetzt, nach sechs Wochen, merkt er, wie der Panzer aufbricht, der sich um ihn gelegt hat. Er kann sich endlich wieder spüren. Nüchtern. Der Nebel, der sich über seine Sinnesorgane gelegt hatte, ist verschwunden. Er kann wieder intensiv riechen und schmecken. Bei seinem ersten Spaziergang nach dem Entzug registrierte er erstaunt, wie würzig die Waldluft riecht. Morgens hörte er die Vögel zwitschern und merkte, dass er vorher gelebt hat wie ein Zombie.
In der Gruppe zu reden tut ihm gut und wühlt ihn gleichzeitig auf. Vor allem wenn er über den Tag spricht, als ein Kollege vor der Tür stand und ihn mit drei Weinflaschen im Bett fand. “Ich habe einen wichtigen Termin verpasst und wusste, dass sie mich suchen würden. In gewisser Weise habe ich auf diesen Moment gewartet. Es war ein Hilfeschrei.”
Lange hatte er seine Sucht erfolgreich kaschieren können. An seiner Arbeitsstelle kontrollierte niemand, ob und wie oft er da war. Bis zum Schluss kam er immer tipptopp gekleidet. Selbst wenn er zu Hause blieb und trank, ging er vorher unter die Dusche, rasierte sich, zog sich an – und öffnete dann die erste Flasche. “Man ist ja kein Penner’~ sagt er mit leiser Ironie in den Augen.
Beifälliges Nicken in der Gruppe. Seine Lebensgefährtin, mit der er seit 20 Jahren eine Wochenendbeziehung führt, fiel aus allen Wolken, als sie ihn bleich und zitternd im Krankenhaus liegen sah. Zum Schluss habe er im Morgengrauen immer schreckliche Ängste gehabt, erzählt Metmann, “aber genau diese Ängste wollte ich spüren”.
SSo ähnlich beschreibt es auch Peter Belschner*. Der 40-jährige Kameramann hat seinen dritten Entzug hinter sich “Am Schluss habe ich getrunken, um mich zu spüren. Am intensivsten war das Gefühl der Trauer. Je mehr ich in mich reingeschüttet habe, desto trauriger wurde ich. Und je trauriger ich wurde, desto größer war das Verlangen nach Wein.”
Hätte seine Frau nicht eines Tages die Flaschen entdeckt, die er in geheimen Verstecken hortete, er wäre nicht in eine Klinik gegangen. Er fand es normal, nach der Arbeit eine Flasche Wein ex und noch zwei Gläschen mit seiner Frau zu trinken Diesmal, glaubt Belschner, hat er eine echte Chance, trocken zu bleiben. Nach seiner ersten Entgiftung dachte er: Leute, ich hab’s euch doch gleich gesagt, ich bin kein Alkoholiker.
Nachdem er das Krankenhaus verlassen hatte, fuhr er sofort zur nächsten Tankstelle, kaufte eine Flasche Wein und trank sie aus. Das wiederholte sich nach dem zweiten Entzug.
“Was muss passieren, damit Sie morgen auf dem Heimweg wieder bei der Tankstelle vorbeifahren?” fragt ihn der Therapeut. Belschner schüttelt den Kopf. “Das wird nicht passieren. Ich habe hier endlich begriffen, dass ich den Alkohol nicht unter Kontrolle habe und richtig krank bin.
Für Außenstehende klingt diese Erkenntnis banal, für Süchtige ist sie lebensrettend. Es ist paradox. Erst wenn der Patient akzeptiert, dass er dem Suchtstoff gegenüber machtlos ist, kann er die Kontrolle über sein Leben zurückgewinnen.
Dass Peter Belschner seiner Entlassung mit Zuversicht und Stolz entgegensieht, liege auch am “Hochdosis-Therapiekonzept” der Klinik, sagt er. Bei seiner vorigen Entgiftung in einer anderen Einrichtung habe er sich sehr isoliert gefühlt. Eine Einzeltherapie pro Woche habe zudem nicht gereicht.
“Ich hatte nicht den Mut, mir anzuschauen, was ich mit mir angerichtet habe”. Mithilfe seiner Therapeuten hat er einige Türen geöffnet, hinter denen sich schmerzhafte Erinnerungen verbargen. Er ist in Gedanken in das Internat zurückgegangen, in das seine Eltern ihn mit zehn Jahren schickten, und hat noch einmal die Einsamkeit und überforderung des kleinen Jungen gespürt, der sich selbst erziehen musste.
Die Zeit im Internat ist für Belschner ein Teil in einem großen, unübersichtlichen Puzzle. Doch es wäre ein Kurzschluss zu sagen: Weil er zur früh ins Internat kam, wurde er später süchtig.
“Es gibt Tausende von Möglichkeiten, warum jemand trinkt oder andere Suchtmittel nimmt”, sagt Bernd Sprenger.
MManche erzählen: Nüchtern bin ich schüchtern, voll bin ich toll. Andere benutzen den Stoff als Einschlafhilfe, Angstdämpfer, Aufputschmittel oder Belohnung für besondere Leistungen.
Es gibt Menschen, denen ein strenger innerer Antreiber rund um die Uhr zuruft: “Du musst, du musst, du musst!” – und die ihn mit Alkohol zum Schweigen bringen. Sind die tiefer liegenden Gründe für die Suchterkrankung erkannt, ist das ein wichtiger Schritt, dem noch viele weitere folgen müssen.
Die beste Psychotherapie nutzt nichts, wenn die Patienten nach der Entlassung allein weitermachen.
Deshalb haben sie an zwei Abenden pro Woche die Gelegenheit, eine Selbsthilfegruppe kennenzulernen, die sich in der Klinik vorstellt. Manche Patienten erkennen in der Therapie, dass sie in einem süchtigen Umfeld leben und ihren Freundeskreis wechseln müssen, um eine Chance zu haben.
Deshalb laden die Therapeuten gegen Ende des Klinikaufenthalts auch Angehörige und Lebenspartner zum Gespräch ein und bitten sie um Mitarbeit. Beate Schusters Mann, der beruflich oft für lange Zeit außer Landes unterwegs ist, hat sich bereit erklärt, in der Wohnung keinen Alkohol zu trinken, wenn er auf Heimaturlaub ist. Trotzdem hat sie Angst vor der Versuchung. Vorerst hat sie sich vorgenommen, bis Ende des Jahres trocken zu bleiben.
Für Bernd Sprenger ist ihre Skepsis ein gutes Zeichen. “Die schlechteste Prognose haben diejenigen, die sagen: Alles ist gut. Ich bin stark. Mir kann nichts passieren.” Nicht umsonst ist das Ziel der Anonymen Alkoholiker “Heute möchte ich nicht trinken”.

