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Die Apfelgräfin

Die Apfelgräfin - pdf - 2 MB

In ihrem ersten Leben war Daisy Gräfin von Arnim Buchhändlerin.
Dann zog sie gemeinsam mit ihrem Mann in die strukturschwache Uckermark und musste das Geldverdienen neu erfinden. Heute verkauft sie Apfelprodukte vom eigenen Landgut und beschäftigt in ihrem Betrieb acht Angestellte.

erschienen in: Brigitte Woman 09/2007
Text: Birgit Schönberger

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Daisy wirbelt. Auf wundersame Weise schafft sie es in fünf Räumen gleichzeitig zu sein. Gerade hat sie einen Blick auf den Online-Shop geworfen, ist durch den Packraum gefegt, hat dort neue Kartons hingelegt, kurz eine Apfelschälmaschine begutachtet und die Augen gerollt: “Das Ding kommt sofort weg!” Sie hat ihrer Berliner Verkäuferin über ihr Handy ein paar Anweisungen erteilt, und jetzt steht sie in der kleinen Küche, wo Paula mit der Ruhe eines Zen-Mönches Cantuccini-Teig mit getrockneten Apfelstückchen zu Plätzchen backt. Sie stibitzt einen Keks, sagt: “Mmh” und legt ihrer Angestellten den Arm um die Schultern.
Dass Paula jetzt schon seit vier Jahren für Daisy von Arnim Apfel-Cantuccini und Arnim-Thaler backt – anfangs einen halben Tag die Woche und inzwischen täglich -, ist ein kleines Wunder. Denn Haus Lichtenhain in der Uckermark liegt “mitten im Nichts”, wie die Gräfin behauptet. “Natur pur.” Und genau diese pure Natur hatte ihr gefallen, als sie und ihr Mann zum ersten Mal das alte Landgut der Familie von Arnim besuchten, das nach dem Krieg enteignet worden war. Acht Jahre nach der Wende entschloss sich das Paar, das Gut und einen kleinen Teil des Grundbesitzes zurückzukaufen. Ihr Mann zog dort einen landwirtschaftlichen Betrieb hoch. Aber Daisy von Arnim wollte etwas Eigenes auf die Beine stellen. Um Geld zu verdienen, was dringend nötig war. Und um sich und dem Rest der Welt zu beweisen, dass man auch im Nichts Geld verdienen kann. Nur womit?

Gänse schlachten und Schweine halten war nichts für sie. Die Idee, Buchsbäume zu züchten, verwarf sie auch wieder, ebenso wie den Gedanken, ihren Kindertraum zu venvirklichen und ein Buch zu schreiben. Es erschien ihr zu egoistisch, mit etwas Geld verdienen zu wollen, das keine Arbeitsplätze schafft. In einer Gegend, die zwar wegen ihres mediterranen Lichts von Künstlern als “Toskana des Nordens” gerühmt wird, die aber ihre Bewohner nicht mehr ernähren kann.
Im Herbst 2000 fuhr sie, wie so oft, mit dem Auto über den Feldweg hinter ihrem Haus. Es machte “pftsch” – und dann war alles klar: Äpfel! Sie lagen überall auf dem Boden, und keiner hob sie auf. Duftende Goldparmänen, Prinzenäpfel, Undine oder die rotweißen Schneewittchenäpfel. Heute heißt Daisy von Arnim, gelernte Buchhändlerin und Spross einer schlesischen Adelsfamilie, im Dorf nur noch “die Apfelgräfin”. Sie besitzt 500 Bäume, betreibt eine Mosterei und führt in ihrem edlen Sortiment 25 Uckermärker Apfeldelikatessen, darunter “Daisys Apfellikör” (“macht glücklich”), Apfel-Schokoladenringe, Apfel-Balsamessig und Apfel-Früchtebrot im Glas. Ihre Favoriten sind Apfel-Chutney und Apfel-Caramel. Wenn sie über das Caramel spricht, leuchten ihre Augen. Wie viele ihrer Erfindungen ist es das Ergebnis eines Zufalls. Der Zucker, mit dem Daisy Apfelgelee kochen wollte, war zu dunkel geworden. Statt neu anzufangen, ließ sie das Ganze einfach weiterblubbern.

Das Ergebnis schmeckte köstlich, wurde auf der Grünen Woche in Berlin prämiert und gehört heute zu ihren Verkaufsschlagern. Wie auch die Amim-Thaler: sündhaft süße rotweiße Plätzchen, gefüllt mit Johannisbeergelee, nach einem alten Familienrezept der von Amims. In zähen Verhandlungen musste sie es ihrer Schwiegermutter abluchsen. Der diplomatische Einsatz lohnte sich die Plätzchen sind überaus beliebt. Begonnen aber hatte alles mit jenen Äpfeln, die der Gräfin unter die Räder gekommen waren. Einen aromatischen Most wollte sie daraus pressen. Einen, der so gut schmeckte, dass man ihn verkaufen konnte. Das Startkapital lieh sie sich von ihrem Mann. Davon kaufte sie eine kleine Mostmaschine, räumte die Werkstatt des landwirtschaftlichen Betriebes aus, stellte Geräte, Kästen und Flaschen rein und fing an. “Es war ein bisschen wie bei Jugend forscht”, lacht sie. Vorsichtig hantierte sie mit Gaskocher und Mostspirale und hoffte, dass etwas dabei herauskommen würde. Nach einer Woche ständigen Probierens und Neuanfangens hatte sie gegen fünf Uhr in der Frühe immerhin schon mal die optimale Temperatur zum Mosten gefunden: 80 Grad. “Die Gräfin mostet mit einem Gaskocher in der Werkstatt!” Die Nachricht sprach sich schnell im Dorf herum. Plötzlich war Daisy umringt von Frauen, die alle mitmachen wollten und gute Tipps für sie hatten. “Kann ick dir helfen?” Diesen Satz hörte sie immer wieder. Sie nahm die Hilfe an. Im November waren sie mit dem Mosten fertig. Aber am nächsten Morgen standen die Frauen wieder vor der Tür und fragten: “Was nun?”

Sie schaute in entschlossene Gesichter, in denen geschrieben stand: “Wir wollen endlich was tun, wir haben keine Lust mehr, Däumchen zu drehen!” Also trockneten sie erst mal Äpfel – auf Vorrat. Alle Mieter, die damals noch im alten Gutshaus wohnten, machten mit und stellten ihre Kachelöfen zur Verfügung. “Es war total improvisiert”, erzählt die Gräfin. Aber genau richtig. Dann begannen die Frauen, den Most weiterzuverarbeiten.
Sie kochten Apfelgelee, gaben Rosenblüten, Lavendel, Koriander, Muskat, Ingwer, Thymian, Zimt und getrocknete Holunderblüten dazu, probierten und fingen wieder neu an. Am besten schmeckten schließlich die Gelees mit Ingwer, Zimt und Holunderblüten. “Damit sind wir todesmutig auf den Wochenmarkt nach Berlin gefahren. Das war schon ‘ne coole Aktion.” Daisy muss immer noch lachen, wenn sie daran denkt, wie sie im Morgengrauen mit ihren Apfelgläschen dort anrückten. 80000 Liter Most verarbeitet sie inzwischen pro Jahr. Das Land, auf dem die Obstbäume dafür wachsen, gehörte jahrhundertelang der Familie von Amim. Viele in der Umgebung kennen noch die Großeltern und Eltern, die auf dem nahe gelegenen Schloss Boitzenburg residierten. Die neue Gräfin entspricht dem überlieferten Bild der einstigen Herrschaft so gar nicht. “Manchmal kommen hier Kinder vorbei und warten darauf, dass ich im Abendkleid auftrete.” Doch in teurer Garderobe mostet es sich einfach schlecht. Adel verpflichtet – zum Normalsein. “Ich verwerte meinen Namen fürs Verkaufen. Das macht sich gut, besonders auf den Etiketten. Aber ansonsten bleiben wir hier schön auf dem Teppich.”

An der Mostmaschine steht die Apfelgräfin heute aber nicht mehr selbst. “Das ist ein Knochenjob was für starke Männer”, erklärt sie, fast als wolle sie sich dafür entschuldigen. Thomas, Bernd, Olaf und Egon erledigen das während der Saison für sie. Sie sind die einzigen Männer in Daisys Betrieb. Die Chutneys und Gelees kocht Sieglinde, Doris und Paula backen Kekse. Petra verpackt und versendet die Köstlichkeiten, Gabi und Rosi verkaufen in Berlin, Verena in der Uckermark, Angelika macht die Buchhaltung, und Anne halt Ordnung. “Eine tolle Frauenpowertruppe”, sagt die Chefin stolz. Mit dem Wort “Chefin” hat sie allerdings Probleme. lch lerne, eine zu werden. Ich kann mich schlecht durchsetzen. Meine Stärke ist eher die Kreativität.” Der Umgangston im Betrieb ist tatsächlich auffallend locker. Daisy duzt ihre Mitarbeiter, fragt regelmäßig, ob sie etwas brauchen, und sagt den Männern in der Mosterei: “Aber ihr denkt jetzt auch mal an eure Pause. Ihre Angestellten liegen ihr am Herzen.”Sie haben aus mir das gemacht, was ich jetzt bin. Ich gebe eigentlich nur den goldenen Apfel weiter. In mich haben so viele Menschen investiert, und das purzelt jetzt alles raus.” Zu einem erfolgreichen Betrieb gehören für Daisy von Arnim aber auch klare Unternehmensziele. Und die lauten: Noch besser und größer werden und ihre Delikatessen in ganz Deutschland verkaufen. “Was in Berlin funktioniert, kann doch auch in Stuttgart laufen.” Doch manchmal muss der unternehmerische Ehrgeiz die Kreativität bremsen. “Ich könnte längst 150 Produkte um den Apfel entwickelt haben, aber da steigt der Kunde dann nicht mehr durch.”

Also beschränkte sie das Sortiment erst mal auf die Klassiker. Entscheidungen wie diese trifft die Gräfin nicht allein. Sie holt sich Rat. Von Marketingspezialisten, die ihr helfen, professioneller zu werden. Und von ihrem Mann. “Er passt auf, dass ich nicht zu viel Blödsinn mache. Und er denkt über den Marmeladenpott hinaus, akquiriert Kunden, an die ich mich sonst nicht herangewagt hätte.” Mehrmals täglich schaut er in ihrem Büro vorbei und fragt, ob alles in Ordnung sei. Er kennt die Schwachstelle seiner Frau: Wenn sie in ihrem Element ist, vergisst sie manchmal, dass sie einen Körper hat. Einmal ist sie mitten auf dem Wochenmarkt umgekippt und erst im Krankenhaus aufgewacht. Der Zusammenbruch war ihr eine Lektion. “Ich habe letztes Jahr nur einmal in unserem schönen Dorfsee gebadet, das ist definitiv zu wenig”, bekennt sie. So, als habe sie nicht nur ihrem Körper den nötigen Respekt versagt, sondern auch dem Dorfsee. Trotzdem, der Untemehmerinnenjob ist für sie ein Traumberuf. Regelmäßig nimmt sie am Kongress christlicher Führungskräfte teil und gehört dort zu den wenigen Frauen. Besucherinnen sprechen sie oft an und sagen: “Was du machst, würde ich auch gern tun.” Daisy von Arnim erwidert dann: “Fang meinetwegen in der Garage an, aber fang an!”

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