Die Lust am Selbstbetrug
Wir brauchen Träume, um im Leben voranzukommen.
Doch manchmal wird der Traum zur Lebenslüge – und das Selbstbild zum Trugbild.
erschienen in: emotion 11/2008
Text: Birgit Schönberger
Text ausdrucken | Text als pdf
Edith ist die glücklichste Frau der Welt. Sie macht Karriere als Romanautorin und lebt in ihrem Traumhaus. Ihr Mann trägt sie auf Händen. Und der Sohn brilliert an der Elite-Universität Princeton. Kein Wunder, dass schöne Mädchen und Arbeitgeber sich um ihn reißen. All das schreibt Edith in ihr Tagebuch – und nichts davon stimmt.
In Wirklichkeit hat ihr Mann seine jüngere Geliebte geheiratet, der arbeitslose Sohn ertränkt seinen Frust im Alkohol. Und statt als Edelfeder gefeiert zu werden, schreibt Edith nur für den Papierkorb. In dem Roman “Ediths Tagebuch” hat die englische Schriftstellerin Patricia Highsmith das spannende Psychogramm einer Frau gezeichnet, die ihre Realität nur noch erträgt, indem sie sich in eine Fantasiewelt flüchtet – in eine Lebenslüge.
Doch Selbsttäuschungen sind nicht nur der Stoff, aus dem Krimis, Theaterdramen und Filmtragödien sind. Die harmlose Variante hat wohl jeder schon einmal praktiziert: Wir verstellen die Waage und mogeln uns zwei Kilo leichter. Oder erzählen, dass 60 Kollegen unseren Vorschlag beklatscht hätten, obwohl es nur halb so viele waren – und glauben unsere Geschichte am Ende selbst. Solange wir die Realität nicht vollkommen ausblenden, helfen uns derlei kleine Schummeleien, den Alltag leichter zu nehmen. Doch zwischen einer Illusion, die uns Auftrieb gibt, und einer Lebenslüge, die uns schadet, liegt manchmal nur ein schmaler Grat. “Ich esse fast nichts und nehme trotzdem dauernd zu”, klagen viele stark Übergewichtige und unterschlagen vor sich selbst die nächtlichen Heißhungerattacken und die Weigerung, Sport zu treiben. “Es gibt einfach keine interessanten Männer. Ich bin total offen für eine neue Liebe, aber ich treffe keinen, der infrage kommt”, klagen attraktive, erfolgreiche Frauen. Und übersehen, dass ihr Leben ebenso voll ist mit Terminen wie ihr Kopf mit Vorstellungen vom perfekten Mann. In ihren Zeitplan und ihr Beuteschema kann gar keiner passen.
Brigitte Boothe, Professorin für Klinische Psychologie an der Universität Zürich, hält Lebenslügen für eine Extremform von Illusionen:
“Wir brauchen Sehnsüchte, Hoffnungen und Träume, um im Leben voranzukommen”, sagt die Psychoanalytikerin. “Doch wir müssen sie regelmäßig einem Realitätscheck unterziehen.” Bin ich tatsächlich so unternehmungslustig, wie ich glaube, oder in Wahrheit doch eher eine Couchpotato?
Habe ich genug Talent, um eine erfolgreiche Schauspielerin zu werden? Oder reicht es realistisch betrachtet eigentlich nur rür die Laiengruppe?
Menschen, die sich in Lebenslügen verstricken, so Boothe, haben nicht gelernt, im Kontakt mit anderen ihre Möglichkeiten und Grenzen durchzuspielen und so zu einem realistischen Selbstbild zu kommen. Der Nährboden, auf dem Lebenslügen gedeihen, entsteht in der Kindheit. Davon ist Boothe überzeugt. Je intensiver Eltern eigene unerfüllte Wünsche auf das Kind projizieren, desto mehr Ängste entwickelt dieses, nach dem Motto: Wenn ich kein toller Pianist werde, wird Mama furchtbar enttäuscht sein!
Also strengt sich der Junge unheimlich an und redet sich ein, Klavierspielen sei sein Lieblingshobby – obwohl er eigentlich viel lieber auf dem Fußballplatz toben würde. “Kinder, auf denen ein großer Erwartungsdruck lastet, tun häufig fast alles, um die Wunschvorstellungen der Eltern aufrechtzuerhalten”, so Boothe. In Extremfällen spricht die Psychoanalytikerin von einer “folie a deux”: einer Art Komplizenschaft, bei der beide Seiten über Jahre krampfhaft an einer Illusion festhalten.
Die Absicht, die hinter Selbsttäuschungen steckt, ist eigentlich positiv, sagt der Heidelberger Gestalttherapeut und Buchautor Victor Chu: “Lebenslügen sind eine Art Überlebensstrategie – sie verhüllen unsere persönlichen Schwächen und schützen vor der Kritik anderer.” Doch irgendwann werden sie zum Bumerang. “Wenn sich eine nicht besonders attraktive junge Frau im Teenageralter vorstellt, eine bildhübsche Prinzessin zu sein, ist das okay, solange sie weiß, dass sie eine Rolle spielt. Dadurch kann sie ihr Mauerblümchendasein besser ertragen”, erklärt Chu. “Wenn sie sich aber als Erwachsene immer noch vormacht, eine Prinzessin zu sein, obwohl sie auf andere grau und unscheinbar wirkt, dann hindert sie sich selbst daran, etwas an diesem Umstand zu ändern.”
Doch müsste nicht ein Blick in den Spiegel genügen, um die Illusion zu zerstören? So einfach ist es nicht. Denn zur Lebenslüge gehört ein geschickt gewobenes Netz aus Selbsttäuschung, Vermeidung und Verdrängung.
Wer sich zum Beispiel einredet, ein genialer Künstler zu sein, den die Welt nur noch nicht erkannt hat, beschimpft Kunsthändler gern als korrupt und boykottiert Vernissagen. “Lebenslügner meiden Orte, an denen sie mit ihrer Mittelmäßigkeit konfrontiert werden könnten, und entwerten Kritik, indem sie die Kritiker beschimpfen”, beschreibt die Psychoanalytikerin Brigitte Boothe das typische Vermeidungsmuster, mit dem Selbsttäuschungen am Leben erhalten werden. “Sie bekämpfen eigene Zweifel und Ängste mit Pseudoeuphorie.” Ein guter Schutz davor, sich in Trugbilder zu verstricken, ist also die Bereitschaft, sich von anderen ehrliche Rückmeldungen geben zu lassen und Freunde zu fragen: Wie wirke ich auf dich? Wie findest du die Geschichten, die ich geschrieben habe? Was hältst du von meiner Geschäftsidee?
Lebenslügen, glaubt Boothe, haben auch mit gesellschaftlichen Erwartungen zu tun. Heute sei es vor allem der Erfolgsdruck im Job und in der Liebe, der Menschen dazu bringt, ihre Biografie glattzubügeln und sich und anderen etwas vorzumachen. Die Berliner Familientherapeutin Dörte Foertsch hat zum Beispiel mit einer Familie gearbeitet, in der der Sohn seinen Eltern sieben Jahre lang vorgespielt hatte, er würde Betriebswirtschaft studieren. Beide Elternteile waren beruflich sehr erfolgreich. Der Vater hatte eine leitende Funktion, die ältere Schwester einen hervorragenden Universitäts abschluss und der Sohn traute sich einfach nicht zu sagen, dass er nicht studieren wollte. “Er hat die tollsten Geschichten erfunden und allen von seinem Diplom und seinen Karriereplänen erzählt”, berichtet Foertsch. Irgendwann hatte er sich so in sein Lügengebäude verstrickt, dass er aus lauter Angst, ertappt zu werden, abtauchte. Seine Familie fand ihn schließlich in einer anderen Stadt wieder – erst da war er bereit, sein Parallelleben zu offenbaren.
Für eine der häufigsten Lebenslügen hält der Gestalttherapeut Victor Chu den Satz “Ich habe eine glückliche Partnerschaft”. Einmal suchte eine Frau seinen Rat, die sich das Rauchen abgewöhnen wollte. Während der Sitzungen schwärmte sie von ihrem Partner, der immer für sie da sei. Im Laufe der Therapie stellte sich jedoch heraus: Die Fürsorge des Partners existierte nur in ihrer Fantasie! Jahrelang hatte sie sich nicht eingestehen können, dass ihr Freund nicht ihrem Ideal entsprach – aus Angst vor den Konsequenzen.
Eine typische Männerlebenslüge ist laut Chu die Tendenz, sich mit 50 Jahren “rundum zu erneuern”: mit einem ersten Marathonlauf und einer neuen Partnerin, die vom Alter her die Tochter sein könnte. “Diese Männer überspielen ihre Unfähigkeit, sich mit dem Älterwerden und den Anforderungen einer langjährigen Beziehung auseinanderzusetzen”, so Victor Chu. Doch was hindert uns daran, uns so zu sehen und zu zeigen, wie wir wirklich sind, und selbstbewusst zu unserem Alter, unseren Vorlieben oder
Schwächen zu stehen? Eines der stärksten Motive für eine Lebenslüge ist laut Victor Chu die Scham – denn sie sei ein wesentlicher Pfeiler unserer Identität. Bin ich stolz auf mich? Oder schäme ich mich meiner selbst? “Das Gefühl der Scham ist deshalb so mächtig, weil es nicht nur die individuelle, sondern auch die familiäre und nationale Scham gibt”, so Chu. “Je mehr Menschen sich mitschämen, desto schwerer wird es, zur Wahrheit zu stehen oder zurückzukehren.”
Doch der Therapeut macht Menschen Mut, ihre Lebenslügen aufzudecken – auch wenn dann erst einmal alles in sich zusammenfällt. Nachdem die Frau aus seiner Praxis ihr Märchen von der glücklichen Ehe nicht mehr erzählen konnte, hatte sie die Kraft, sich von ihrem Partner zu trennen, und entdeckte, dass das Alleinleben ihr sogar ganz gut gefällt. Der angebliche Student, der seinen Eltern einen tollen Abschluss vorgegaukelt hatte, stellte während der Familientherapie fest, dass diese gar keine Höchstleistungen von ihm erwarten und ihn auch ohne Diplom akzeptieren. “Letztlich geht es darum, dass ich nicht versuche, einen anderen zu kopieren”, sagt Chu. “Ich muss nicht der ideale Mann oder die ideale Frau sein. Wichtig ist lediglich, ich selbst zu sein.”

