Einmal Abgrund und zurück
Wie ertragen manche Menschen ein Schicksal, an dem andere zerbrechen würden? “Resilienz” nennen Psychologen die Kraft, die Katastrophe zu durchstehen
erschienen in: stern Gesund Leben 09/2007
Text: Birgit Schönberger | Text ausdrucken | Text als pdf
Wenn die vergangenen fünf Jahre im Leben von Heike von Borries als Film im Fernsehen liefen, würde man wegzappen. Aus Selbstschutz, weil niemand soviel Drama auf einmal erträgt. Dabei lohnte es sich, das Ende abzuwarten, im Drehbuch ihres Lebens gibt es ein Happy End. Heute sitzt die 48-jährige Führungskräftetrainerin in der Küche ihrer kleinen Berliner Wohnung und sagt: “Ich habe es geschafft. Es geht mir gut.” Dass sie das sagen kann ist wie ein Wunder. 2001 fand sich Heike von Borries, eine bis dahin von Erfolg verwöhnte Karrierefrau, im Sozialamt wieder. Sie hatte ihren Mann und ihr Baby verloren und um Haaresbreite auch ihr Leben. “Ich verlasse dich.” Kurz vor der Geburt ihres gemeinsamen dritten Kindes – die beiden Töchter waren fünf und ein Jahr alt – hatte ihr Mann ihr das eröffnet. Sie waren gerade dabei, ein Zimmer für das neue Baby umzubauen. Kurz darauf, an einem Karfreitag, platzte ihre Gebärmutter. Die Plazenta riss ab, das Baby war sofort tot. Sie erinnert sich noch an die blinkenden Krankenwagen vor der Tür und die vielen Menschen, die plötzlich in die Wohnung gestürmt waren, um den kleinen Darius – so hat sie ihn später genannt – zu retten. In der Zwischenzeit wäre sie selbst beinahe verblutet. Die Ärzte versetzten sie ins künstliche Koma.
Ihre Chancen standen schlecht, der Chefarzt hatte sie bereits aufgegeben. Doch Heike von Borries blieb am Leben. Als sie nach fünf Tagen erwachte, saß die Chirurgin weinend auf ihrem Bett. Das erste Zeichen, das sie von ihrem Mann bekam, war ein Brief seines Anwalts mit der Aufforderung, ihr den Bootshausschlüssel unverzüglich auszuhändigen. “Da dachte ich, tiefer kann ein Mensch nicht sinken.” Einige Tage konnte sie nur weinen. Sie wollte ihr totes Baby zurück. Sie wollte sterben. “Aber irgendwann habe ich die Entscheidung gefällt, ich will leben, und zwar richtig. Und dafür habe ich eine Menge getan. Mit Humor und viel Selbstdisziplin.”
Die Kraft, die von Borries eingesetzt hat, um sich zurück ins Leben zu holen, alleine für ihre Töchter zu sorgen und sich eine neue berutliche Existenz als freie Trainerin aufzubauen, wird in der Psychologie Resilienz genannt. Sie bezeichnet die Widerstandskraft, die Fähigkeit, extreme Lebenssituationen durchzustehen. Ursprünglich kommt der Begriff aus der Werkstoffkunde: Hohe Resilienz haben Materialien, die unter Druck nicht brechen, sondern anschließend in ihre ursprüngliche Form zurückfinden. Was beim Menschen die Quelle dieser Kraft ist, ist die Schlüsselfrage, die sich Resilienzforscher stellen. “Gedeihen rotz widriger Umstände” hieß das Motto eines internationalen Resilienzkongresses, den die Schweizer Familien- und aartherapeutin Rosmarie Welter-Enderlin 2005 in Zürich initiierte. Überall auf der Welt, in allen sozialen Schichten, üssen Menschen in unterschiedlichsten Lebensphasen und -situationen mit dem umgehen, was ihnen das Leben zumutet die einen wachsen daran, die anderen zerbrechen. Was besitzen die einen, was den anderen fehlt?
Umfangreiche Daten haben die Forscher inzwischen gesammelt, doch Welter-Enderlin warnt davor, gebrauchsfertige Rezepte daraus abzuleiten: Resilienz lässt sich nicht aus Ratgeberbüchern erlernen. Jeder Mensch, glaubt sie, aktiviert in Krisensituationen andere innere und äußere Schutzfaktoren und Kraftquellen. ür sie ist es zum Beispiel ein Satz ihrer Mutter: “Nicht verzweifeln, es geht immer wieder ein Türlein auf.” Andere schöpfen Kraft aus dem Glauben, dem Klavierspielen, ihrem Freundeskreis oder der Natur.
“Resilienz ist keine statische Größe”, bestätigt Jürg Frick, Psychologieprofessor an der Pädagogischen Hochschule Zürich. “Alle Menschen haben resiliente Fähigkeiten, aber sie sind nicht in allen Lebenslagen gleich widerstandsfähig. Es ist durchaus möglich, dass ein Mann den Verlust des Arbeitsplatzes mit Anfang fünfzig gut “wegsteckt” und fünf Jahre später völlig zusammenbricht, wenn seine Frau ihn nach 30 Jahren Ehe verlässt. Kommt man mit einer dicken Schutzhaut zur Welt? Oder kann man sie sich auch später noch überziehen ? Beides, sagt die Resilienzforschung. Es gibt wahrscheinlich eine Art Grundausstattung, die manchen Menschen in die Wiege gelegt ist. Man kann aber aber viel dafür tun, um sich eine Schutzschicht zuzulegen oder diese zu verdicken. Eines lässt sich über resiliente Erwachsene mit Sicherheit sagen: Sie setzen sich in Krisensituationen nicht heulend in eine Ecke und warten auf ein “Wunder”, sondern versuchen, so viel wie möglich selbst in die Hand zunehmen. Sie sind aber auch keine Einzelkämpfer und scheuen sich nicht, um Hilfe zu bitten. Dieses Phänomen hat Emmy Werner auf eindrucksvolle Weise entdeckt. Die amerikanische Psychologin gilt als Mutter der Resilienzforschung. Vierzig Jahre lang hat sie Kinder auf der hawaiianischen lnseli Kauai begleitet und an ihnen beobachtet, inwiefern sich soziale Risikofaktoren auf deren Entwicklung auswirken. Trotz Armut, Alkohol, Gewalt und Trennung sind einige von ihnen zu stabilen, lebenstüchtigen und mitfühlenden Erwachsenen herangewachsen. Emmy Werner konnte zudem nachweisen, dass manche Kinder aus zerrütteten Familien später besser klarkamen als die aus geordneten.
Rosmarie Welter-Enderlin findet das sehr ermutigend. Weil es beweist, dass die Gleichung “traumatische Kindheit bedeutet traumatische Zukunft” nicht zwangsläufig stimmt. “Diese Kinder haben von sich aus das Gespür gehabt, wo etwas zu holen ist,wo nette Leute waren, und die haben sie aufgesucht.” Davon, findet die Schweizerin, könnten wir eine Menge lernen. Das gilt auch für Erwachsene. Wenn Heike von Borries darüber nachdenkt, was ihr geholfen hat, nicht in Gram und Kummer zu versinken über ihr verlorenes Baby, die kaputte Ehe und die Scheidung, die sie beinahe ruinierte, dann fällt ihr als Erstes das neue Netzwerk ein, das sie sich geschaffen hat. “Davor hatte ich mich vollständig auf meinen Mann verlassen, ich hatte keine Freundinnen.”
Sie hat gelernt, um Hilfe zu bitten und neue Menschen in ihr Leben eingeladen, auf die wirklich Verlass ist. Geholfen hat von Bonies auch ein gewisser Trotz. Sie wollte ihrem Exmann nicht den Gefallen tun, weinend am Boden zu liegen und zu kapitulieren. “Ich wollte es wieder schön haben und allen zeigen, was eine Harke ist.” Heute ist sie stolz darauf, dass sie das geschafft hat. Und sie hatte den Mut, ihrer Geschichte ins Auge zu schauen und sich zu fragen: Was habe ich dazu beigetragen, dass mir das passiert ist? Und was tue ich, damit mir das nie wieder passiert? In Zukunft will sie genauer hinschauen undhinhören, wenn ihre innere Alarmglocke schrillt.
Resiliente Menschen sind keineswegs unverwundbar. Sie lassen sich nur nicht vom Schicksal entmutigen und suchen nach Auswegen, auch wenn alles noch so ausweglos erscheint. Der Kunstturner Ronny Ziesmer brauchte, wie er sagt, exakt fünf Minuten, um zu erfassen, dass ab sofort in seinem Leben nichts mehr so sein würde wie vorher. Am 12. Juli 2004 übte er zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Athen den Tsukahara, seinen Paradesprung mit doppeltem Salto rückwärts über den Sptungtisch. Bereits im Anflug wusste er, dass er es nicht schaffen würde, auf den Füßen zu landen. Er war eine Hundertstelsekunde zu langsam und knallte mit dem Nacken auf die Matte. Seitdem ist er querschnittsgelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen.
Schon als er am Boden lag und das seltsame Kribbeln im ganzen Körper spürte, entschied sich der frühere deutsche Meister, nur noch nach vorn zu schauen. Aber geht das überhaupt? Braucht man nicht Monate, um eine so niederschmetternde Diagnose zu begreifen, geschweige denn zu akzeptieren? “Warum?” fragt Ronny Ziesmerz zurück. “Mir war gleich klar, dass ich das nicht mehr rückgängig machen kann. Und was ich nicht mehr ändern kann, darüber denke ich auch nicht nach. Das war auch schon vor dem Unfall so.” Ziesner sitzt im Rollstuhl draußen in seinem Lieblingscafé in Cottbus mitten in der Fußgängerzone und trinkt eine heiße Schokolade. Alle zwei Minuten kommt jemand vorbei, den er kennt. “Hallo Ronny. Wie geht’s?” “Gut.”
Der 27-Jährige hat sich entschieden, das Beste, aus seiner Situation zu machen und die Körperteile zu trainieren, die ihm noch gehorchen. “Bei mir war jeder Muskel ausgebildet. Ich war koordinativ richtig gut drauf.” Seine Sportlerkarriere hat ihm in der Reha geholfen, Muskeln zu aktivieren, von deren Existenz Untrainierte gar nichts wissen. Ziesmer will sich nicht darüber beklagen, was alles nicht mehr geht. Snowboarden, Motorradfahren, Modellflugzeuge bauen. “Mein Gott, es gibt auch andere Hobbys.” Er fragt sich lieber: Was geht? Autofahren zum Beispiel in einem speziell für ihn umgebauten Wagen. Handbiken, manchmal sogar mit 40 Stundenkilometern. Studieren. Ein Jahr nach dem Unfall hat er ein Biotechnikstudiumbegonnen. Er träumt davon, an der Entwicklung eines bahnbrechenden Therapieverfahrens für Querschnittsgelähmte mitzuwirken. “Meine Turnkarriere wäre auch ohne den Unfall irgendwann zu Ende gegangen, ich hätte danach sowieso studiert. Und nun studiere ich halt jetzt schon.”
Natürlich gibt es auch Tage, an denen Ronny Ziesmer sein Handicap verflucht, an denen er eine Menge dafür geben würde, wenn seine Finger sich endlich wieder bewegen ließen. Die Frage “Warum ausgerechnet ich?” vermeidet er. “Weil ich immer zum selben Schluss komme, dass ich sie nicht beantworten kann, und deshalb sind das verschwendete Gedanken für mich.” Punkt. Ende der Durchsage.
Der Satz: “Es ist, wie es ist, und ich kann es nicht ändern” ist für die Psychotherapeutin Welter-Enderlin überlebenswichtig. “Wenn man überflutet würde von Angst und Ungewissheit ohne dieses Ordnungsprinzip, könnte man den Laden zumachen.” Ist Akzeptanz ein wichtiger Schlüssel für Resilienz? “Oh je” sagt Rosmarie Welter-Enderlin, “Akzeptanz ist ein ganz schwieriges Thema”. Nach ihrer Erfahrung sind es vor allem die anderen, die Akzeptanz fordern: Arzte, Pfleger, Ergotherapeuten, Angehörige. “Du musst es akzeptieren”, predigen sie. Dabei wäre es viel hilfreicher zu sagen: ,,Wissen Sie, es braucht wahrscheinlich sehr viel Zeit, bis Sie Ja sagen können zu dieser Krankheit. Wenn Sie wollen, begleite ich Sie dabei.” Menschen in Krisen haben ein Recht darauf, auch mal aggressiv zu sein und zu sagen: “Lass mich in Ruhe.” Damit sollten die Angehörigen schon klarkommen, findet Welter-Enderlin.
Das Umfeld spielt nach ihren Erkenntnissen eine entscheidende Rolle. Denn was nutzt es, wenn man mitten in der Krise über sich hinauswächst, aber keiner da ist, der sagt: Komm, lass uns den Rollstuhl ins Auto packen und in die Sonne fahren. Oder: Ich leih dir das Geld, damit der Gerichtsvollzieher nicht kommen muss, du kannst es mir irgendwann zurückzahlen. Deshalb gehören zur Resilienz mindestens zwei: Einer, der bereit ist, sein Leben in die Hand zu nehmen trotz widriger Umstände, und andere, die ihn dabei unterstützen, ohne mit angeblich guten Ratschlägen zu nerven. ]ürgen Bünte hat die Erfahrung gemacht, dass er immer genau die Hilfe bekommen hat, die er brauchte. Anders wäre es auch gar nicht gegangen. Ohne seine Frau wäre er in vielen Situationen aufgeschmissen, denn er sieht um sich herum nur “freundliches Grau”. Der 69-Jährige ist blind. Er leidet an einer angeborenen Augenkrankheit, die umgangssprachlich Tunnelblick genannt wird. Wobei er selbst
das Wort “leiden” nie benutzen würde. “Ich leide nicht darunter, dass ich inzwischen vollständig blind bin”, sagt er. “Ich freue mich an dem, was ich noch machen kann.” Und das ist eine ganze Menge. Seit er pensioniert ist, lernt er Griechisch mit einem Optacon, einem Gerät, das Texte fühlbar macht. Seine Frau hat Bünte vor 25 Jahren zum letztenmal richtig gesehen.
Das Bild von ihr mit glänzenden Haaren im Sommersonnenlicht hat er auf seiner inneren Festplatte gespeichert und ruft es immer wieder ab. Morgens, wenn seine Frau sich angezogen hat, beschreibt sie ihm, welche Farbe ihr Pullover hat und lässt ihn das Material ertasten. Zunächst gab es noch Hoffnung, dass die Krankheit ihm zumindest einen Teil des Augenlichts lässt. Sie hat sich nicht erfüllt. Jürgen Bünte hadert nicht damit, im Gegenteil: Seine vollständige Erblindung hat er als Befreiung erlebt. So lange er sehbehindert war, konnte er Menschen auf der anderen Straßenseite erkennen und ihnen zuwinken und just in dem Moment in ein Schlagloch vor seiner Nase fallen. Die völlige Blindheit, sagt er, bewahre ihn vor vielen peinlichen Situationen. Denn jetzt weiß er, dass er nichts sieht, und die anderen wissen es auch.
Nein, ein Held sei er nicht, sagt Bünte. “Mit diesen olympiareifen Blinden, die angeblich jeden Berg der Welt besteigen oder Farben erfühlen können, habe ich nichts zu tun.” Er möchte nur zeigen, dass auch ohne Augenlicht im Leben viel möglich ist. Nachdem er sein Mobilitätstraining mit dem Stock absolviert hatte, war er die erste Zeit wie im Rausch. “Ich bin mit meinem weißen Langstock durch Berlin stolziert, mit sämtlichent Straßenbahnlinien gefahren und dachte: Mensch, was kannst du jetzt noch alles anstellen? Mittlerweile ist er nicht mehr so unternehmungslustig. Aber wenn seine Frau Geburtstag hat, geht er selbstverständlich alleine zum Blumenladen. Er engagiert sich immer noch im Blindenverein und im Berliner Landesbeirat für behinderte Menschen. Jürgen Bünte geht pragmatisch an seine Probleme heran. “In dem Moment, wo ich etwas will, bin ich völlig offen. Entweder ich kann es alleine, oder ich muss Hilfe in Anspruch nehmen, und dann überlege ich, woher ich sie kriege.” Gesunder Realitätssinn gepaart mit praktischer Vernunft. Auch das ist ein wichtiger Aspekt von Resilienz. Und die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen. Auch über Theorien sollte man lachen können, findet Rosmarie Welter-Enderlin, und über Ergebnisse der Resilienzforschung. Resilienz, sagt sie, ist eine großartige Kraft, aber sie hofft, dass sie nicht zum Wundermittel verklärt wird. Inzwischen wurde nämlich sogar schon eine Creme “Resilience” genannt. Angeblich verwischt sie sämtliche Spuren des Lebens.

