Birgit Schönberger - Home
Birgit Schönberger
Freie Journalistin Print/Radio


Kontakt

Ich kann mehr!

Jeder von uns hat viele Talente und Fähigkeiten.
Aber leben wir die auch in unserem Berufsleben aus?
Diese Frage sollten wir uns regelmäßig stellen, denn Karriereforscher wissen: Wer sich im Job unterfordert fühlt, wird krank.
Experten verraten Ihnen, wie der Spagat zwischen Beruf und Berufung gelingen kann.

erschienen in: emotion 04/2008
Text: Birgit Schönberger

Text ausdrucken | Text als pdf

Springen Sie morgens fröhlich aus dem Bett und freuen Sie sich auf den Tag, weil wieder so viel Aufregendes auf Sie wartet? Verdienen Sie Ihr Geld mit einer Tätigkeit, die Ihnen Spaß macht, Ihre Talente am besten zum Ausdruck bringt und Ihnen das Gefuhl gibt, einen wertvollen Beitrag fur die Gesellschaft zu leisten?
Herzlichen Glückwunsch! Dann verwirklichen Sie in Ihrem Beruf auch Ihre Berufung und können diesen Text getrost beiseite legen. Wenn Sie weiterlesen, gehören Sie wahrscheinlich zu den Menschen, die das Gefühl haben: Mein Job ist ganz okay, aber glücklich bin ich damit nicht. Vielleicht waren Sie sich auch lange Zeit sicher, Ihren Traumberuf gefunden zu haben, aber in letzter Zeit fragen Sie sich oft am Morgen: “Will ich das wirklich noch 20 Jahre lang machen?”

Willkommen im Club! Jeder dritte Arbeitnehmer in Deutschland ist mit seiner Arbeit unzufrieden, belegt eine Studie, die der Deutsche Gewerkschaftsbund im September 2007 veröffentücht hat. Beklagt werden vor allem Zeit- und Leistungsdruck, fehlende Einfluss- und Entwicklungsmöglichkeiten und mangelnde Wertschätzung. Einen Ausweg aus der Frustfalle verspricht eine wachsende Zahl von Ratgebern, die Erfüölung im Beruf durch das Leben der eigenen Berufung in Aussicht stellen. So unterschiedlich deren Strategien auch sind, sie alle setzen voraus, dass jeder Mensch eine Berufung hat. Die Annahme lautet: Wer dieser Berufung folgt, wird mit mehr Lebensqualität und Erfolg belohnt, empfindet seine Arbeit als Energiequelle, hat das Gefühl, am richtigen Platz zu sein, und ist dadurch eine Bereicherung für andere. Die wichtigsten Wegweiser zur Berufung heißen Spaß, Interesse und Leichtigkeit. Wie bitte? Spaß? Groß geworden sind wir mit Glaubenssätzen wie “Erst die Arbeit, dann das Vergnügen” oder “Sei dankbar, dass du überhaupt einen Job hast. Arbeit ist nun mal kein Zuckerschlecken”.
Für die meisten Menschen sind Arbeit und Leben zwei getrennte Welten. Doch wäre es nicht sinnvoll, mehr Leben in die Arbeit zu bringen? Schließlich verbringen wir die meiste Lebenszeit im Büro und nicht zu Hause oder im Urlaub. Berufungsskeptiker hingegen warnen davor, sich die Erfüllung von der Arbeit zu erhoffen, und halten Selbstverwirklichung im Job für ein Künstlerprivileg.

Mit dieser Einschätzung ist Barbara Henke, Autorin des Ratgebers “Finde deine Berufung!“, gar nicht einverstanden:
“Zur inneren Zufriedenheit ist es unbedingt notwendig, dass unsere Arbeit erfüllend ist und wir wenigstens einen Großteil unserer Talente in den Beruf einbringen können”, sagt die Autorin.
Sie selbst war Schauspielerin und Tänzerin, bevor sie im zweiten Anlauf als Psychotherapeutin ihre Berufung fand. Seitdem ist sie zufriedener: “Ich habe jetzt viel mehr Kraft, Geduld, Vertrauen in mich selbst und meinen Lebensweg und Freude an meiner Arbeit.” Doch was ist Berufung überhaupt?
Im religiösen Sinn ist damit der Ruf Gottes an einen Menschen gemeint, eine Aufgabe zu erfüllen. Henke drückt es in einem Bild aus: “Jeder Mensch trägt ein seelisches Potenzial in sich wie einen Samen, der aufgehen und zu einer Blüte heranwachsen möchte.” Sie sieht den Samen als eine Kombination aus genetischen Anlagen, Fähigkeiten, Talenten, Wissensgebieten und innerer Reife.
Doch keine Angst: Sich auf die Suche nach seiner Berufung zu machen, bedeutet nicht zwangsläufig, den aktuellen Job zu kündigen, nur weil er sich gerade nicht so prickelnd anfühlt. Es kann auch helfen, die Abteilung zu wechseln, sich weiterzubilden oder Teile der Arbeit, die einem nicht liegen, zu delegieren. Entscheidend ist die Frage: Mache ich die falsche Arbeit oder haben sich die Rahmenbedingungen so verschlechtert, dass der Job mir keine Freude mehr bereitet? Manchmal ist es sinnvoll, einen Brotberuf beizubehalten und Schritt für Schritt etwas Neues aufzubauen. Eine Berufung kann sich auch in einem neuen Hobby oder einem Ehrenamt ausdrücken. Eine Sachbearbeiterin beim Finanzamt, die ihre eigentliche Berufung darin erkennt, anderen zu helfen, kann sich zum Beispiel nach Feierabend bei der Telefonseelsorge engagieren. Man könnte Berufung auch als Appell verstehen: Mach etwas aus dem, was dir in die Wiege gelegt wurde! Nutz deine Talente!
“Klingt toll”, werden Sie jetzt denken. “Leider heiße ich nicht Nicole Kidman. Gewiss habe ich ein paar Fähigkeiten, aber keine herausragende Begabung. Zwar interessiert mich alles Mögliche, aber nichts fasziniert mich.” Diese Einwände hört die Frankfurter Karriereberaterin und Diplompsychologin Angelika Gulder oft. In hunderten von Workshops hat sie die Erfahrung gemacht, dass sich Begabungen und Interessen, die auf den ersten Blick diffus oder mittelmäßig wirken, doch präzisieren und zu einem konkreten Berufsbild zusammenfassen lassen. Allerdings sind dafür verschiedene Schritte notwendig

1SICH ZEIT UND RAUM NEHMEN

Mal eben schnell am Wochenende auf die Suche nach seiner Berufung zu gehen, funktioniert nicht. Wer seinen Talenten auf die Spur kommen möchte, sollte sich auf eine längere Abenteuerreise einstellen. In der ersten Phase geht es nur darum, die eigenen Gefühle, Fantasien und Träume wahrzunehmen.
Wohin zieht es mich? Wofür stehe ich morgens gern früh auf? Was macht mich glücklich? Welche gesellschaftlichen Veränderungen würde ich anstoßen, wenn ich die Macht dazu hätte? Was würde ich studieren, wenn ich alles Geld der Welt hätte?
Mit solchen Fragen arbeitet Angelika Gulder in ihren Seminaren. “Ich lasse meine Teilnehmer aufschreiben, was sie am liebsten tun, was sie gern lesen, worüber sie ein Buch schreiben und welchem Hobby sie sich widmen würden, wenn sie genügend Zeit hätten.” Stehen alle Antworten auf einem Blatt, lasse sich leicht ein roter Faden erkennen. “Man kann dann unterscheiden zwischen einem oberflächlichen Hobby und einem tiefergehenden breiten Interesse.” Der rote Faden kann zum Beispiel Persönlichkeitsentwicklung, Organisation, Begeisterung für Technik oder Interesse an Geschichte sein.
Erst viel später komme ein Brainstorming zu möglichen Berufsfeldern und noch viel später der konkrete Realitätsabgleich und eine geeignete Bewerbungsstrategie.

2EINEN FRISCHEN BLICK RISKIEREN

“Wichtig ist, dass wir den .Mut haben, eingefahrene Denkmodelle aufzugeben, die uns vorschreiben wollen, wer oder was wir sein sollten”, sagt die Psychotherapeutin Barbara Henke. Dazu gehört Mamas gut gemeinter Rat “Werd doch Grundschullehrerin, das ist am besten mit Familie zu vereinbaren” ebenso wie Papas apodiktisches Lebensmotto “‘Was man einmal angefangen hat, führt man auch zu Ende”. Nur wer einen frischen Blick auf sich selbst riskiert und lernt loszulassen, kann neue Ideen zulassen. Henke glaubt, dass jeder Mensch zu einem bestimmten Wissensgebiet passt: Das kann etwa Gesundheit, Kommunikation, Geschäftsführung, Erziehung oder Technologie sein.
“Etwas in uns erwacht, fühlt sich angesprochen, wird lebendig und freudig.” Das kann wie eine Initialzündung wirken. Die Pharmareferentin Martina Schmidt erinnerte sich in einem Berufungsworkshop an ihren Kindheitstraum, Tierärztin zu werden. Ihre Eltern hatten ihr kurz zuvor ein Haus vererbt, das Erdgeschoss stand leer. Und plötzlich lag die Lösung auf der Hand. Sie eröffnete im Parterre eine Hundepension, um die Ausbildung zur Tierheilpraktikerin zu finanzieren. Besonders wenn ein Job krank macht und/oder gar nicht zu den eigenen Werten passt, ist es höchste Zeit für eine grundlegende Wende. “Manchmal fließen in meinen Seminaren auch Tränen. Wenn zum Beispiel eine Teilnehmerin herausfindet, dass ihre wichtigsten Lebensmotive Freiheit und Gerechtigkeit sind, sie aber in einem Konzern sitzt, in dem jede Woche gute Leute entlassen werden und wo sie sich fühlt wie im Gefängnis, dann ist sie dort definitiv am falschen Platz”, sagt Karrierecoach Angelika Gulder.

3SICH DER ANGST VOR VERÄNDERUNG STELLEN

“Angst ist grundsätzlich etwas Gesundes”, glaubt die Expertin. “Sie hält uns davon ab, über Nacht alles hinzuschmeißen, nur weil wir gerade eine schlechte Phase im Job haben! Wenn die Angst uns jedoch daran hindert, das zu tun, was wir wirklich wollen, wird sie kontraproduktiv.” Im Coaching ermuntert Gulder ihre Klienten mit einem Experiment:
“Wir gehen einfach mal davon aus, es gäbe eine Möglichkeit, wie Sie auf leichte Art und Weise Ihr Ziel erreichen, ohne dass Sie gleich Ihr ganzes Leben aufden Kopf stellen müssen. Sie können Schritt für Schritt mehr von dem, was zu Ihnen passt, in Ihr Leben bringen.”
Ein Bankangestellter fand so heraus, wie wichtig für ihn Kreativität ist. Er reduzierte seine Arbeitszeit und fing neben seinem Beruf an zu malen. Oft entlastet es auch, sich klarzumachen, dass es viele Berufe gibt, in denen man seine Berufung zum Ausdruck bringen kann. “Ein Mensch, dessen Wunsch es ist, Schönes in die Welt zu bringen, kann das zum Beispiel als Florist, Visagist oder Innenarchitekt tun”, sagt Angelika Gulder. Es gibt so viele Möglichkeiten.

4EINEN LANGEN ATEM HABEN

Die ersten Schritte, beobachtet Gulder, sind die schwersten. “Anfangs ist alles wackelig, wir sind ängstlich und haben keine Balance, aber je mehr wir tun, um uns unserer Berufung zu nähern, desto dynamischer wird unsere Bewegung.” Dranbleiben und nicht gleich aufgeben, wenn die ersten Hindernisse auftauchen, ist auch für Barbara Henke das Wichtigste.
“Wenn mal etwas nicht sofort klappt, sollte man das nicht als Zeichen missverstehen, dass man auf dem falschen Weg ist.” Die Suche nach der Berufung sei noch keine Garantie dafür, dass alle Türen von selbst aufgehen. “Es kann auch Momente geben, in denen man nur auf Widerstand stößt und sich plötzlich wie ein Außenseiter vorkommt.”

5FALLSTRICKE ERKENNEN

Auch wenn man seine Berufung gefunden hat, gibt es einige Fallen. Die erste Falle heißt: Sturköpfigkeit. Wer erkannt hat, dass seine Berufung darin liegt zu heilen, aber eine Bankfiliale leitet und Kinder zu versorgen hat, sollte sich nicht auf den Arztberuf fixieren. Eine Möglichkeit wäre zu überlegen: Wie kann ich das Thema Gesundheit in meinem Unternehmen voranbringen? Die zweite Falle ist: Vermeidung. Man kann viele Jahre damit verbringen, auf die beste aller Stellen zu warten. In der Zwischenzeit vergeudet man die Chance, Erfahrungen zu sammeln und Kontakte zu knüpfen.
Die dritte Falle: Aufopferung. Wer sich rund um die Uhr um die Verwirklichung seiner Berufung kümmert, der setzt seine Gesundheit aufs Spiel. Die Berufung muss auch zu den übrigen Bedürfnissen passen. Die vierte Falle heißt Vereinzelung: “Es geht nicht darum, dass man sich als Egoist allein durchkämpft, sondern darum, Konkurrenzängstezu überwinden und seine Berufung in Gemeinschaft zu leben”, sagt Henke. Sie ist überzeugt davon, dass es sich lohnt, diesen Weg zu gehen.

Schon der Philosoph Konfuzius riet:
“Wähle einen Beruf, den du liebst, und du musst keinen einzigen Tag in deinem Leben mehr arbeiten.”

Text ausdrucken | Text als pdf | top of page