Wer will ich noch werden
Die “besten Jahre”.
Ein neuer Blick auf die Lebensmitte.
Im mittleren Lebensalter wird man unabhängiger von der Meinung anderer und freier zur Entfaltung seiner eigenen Ideen und Projekte.
erschienen in: Publik-Forum 10/2007
Text: Birgit Schönberger
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In Wirklichkeit quält mich ja nicht, dass die Zahl der verbleibenden Jahre ständig abnimmt, sondern dass ich diese Jahre – wenn nichts Entscheidendes geschieht – auf eine so belanglose Weise verbringen werde … Alle Entscheidungen von Belang, die ich selbst zu treffen hatte, sind längst getroffen, meine Ehe ist beschlossen, meine Beruf steht fest …”
Wohl kaum jemand bringt das Gefühl der Midlife-Crisis so deutlich auf den Punkt wie Jurek Beckers Held Simrock.
Alle Lebensweichen scheinen gestellt zu sein. und nun stellt sich die Frage: Soll das wirklich schon alles gewesen sein? Natürlich gibt es Männer und Frauen. die mit 40 plötzlich ihre Familie verlassen und mit einem anderen Partner noch mal neu anfangen wollen. Das sind aber eher Ausnahmen.
“Das Auffälligste an den mittleren Jahren ist, dass sie so unauffällig verlaufen”, sagt der Soziologe Martin Kohli. Und auch die Züricher Psychotherapeutin und Lehranalylikerin Irene Kummer schreibt in Ihrem Buch »Im Mittelpunkt meines Lebens« von einer allmählichen, fast unmerklichen Wandlung und Neuorientierung.
Es gibt eine Struktur von Übergängen. die sich wiederholt, und wir spüren, dass etwas zu Ende geht. Dass wir eine Phase der Verunsicherung haben, wo wir nicht wissen, wo es hingehen solL Das Alte ist nicht mehr, das Neue noch nicht. Die Frage: Was will ich denn jetzt noch mit meinem Leben? Die stellt sich jemand nicht mit dreißig. Die kann man sich erst stellen, wenn man schon ein Stück Leben gelebt hat. wenn man es ausprobiert hat.
Der Horizont rückt näher. Und das bedeutet: Ich kann nicht mehr alles tun in meinem Leben. Der Aspekt der Endlichkeit wird mit 35 noch nicht wirklich. Aber dann mit 40 wird er ein bisschen sichtbar. Und mindestens auch das Wissen: Ich kann vielleicht noch einmal umsteigen und etwas Neues machen, aber vieles kann ich dann vielleicht nicht mehr so, wenn ich es jetzt nicht packe.
Wo stehe ich heute? Was habe ich erreicht? Welche Träume habe ich verwirklicht? Welche sind zerplatzt? Woran bin ich gescheitert? Was fehlt mir in meinem Leben?
In der Lebensmitte ziehen viele Menschen erstmals Bilanz. Rein arithmetisch gesehen ist der Mittelpunkt des Lebens heute zwischen 35 und 40. Vor wenigen Generationen war man mit Ende dreißig bereits uralt. Für Irene Kummer ist die Lebensmitte jedoch keine Zahl, sondern eine Zeit der Orientierung, ein langsamer Übergang von einer Lebensphase in eine andere: “Der Blick geht in der ersten Lebenshälfte von der Person nach außen in die Welt hinaus. Ich organisiere mich in die Welt hinaus, um ein Leben zu formen. Da geht es um Fragen: Wie finde ich einen Partner oder er mich? Wie gestalten wir Beruf und Familie? Und nachher, so ab 40, 45 und noch später. da geht der Blick dann zur eigenen Person.”
Mit dem Älterwerden kommt dann auch die Frage: Wer will ich noch werden? Nicht nur das, was nach außen sichtbar werden soll im Sinne von Handlungen, Arbeit. sondern es stellt sich die Frage: Was für ein Mensch bin
ich? Ich merke: Ich habe Tiefenschichten, ich habe ganz viele Facetten von mir, die ich mit der Zeit integrieren und halten lernen muss. Ich gebrauche häufig das Bild von einer Babuschka. Ich bin eine ganz dicke Babuschka mit vielen gelebten Schichten, die ich zum Teil auch wieder neu entdecken muss, und das steht mehr im Vordergrund.”
Irene Kummer hat sich mit Ende dreißig die Schichten ihrer Babuschka genau angeschaut und sich gefragt: Ist diese Figur wirklich vollständig? Will ich den Rest meines Lebens immer so weiter machen und meine ganze Kraft in den Beruf stecken?
“Und da habe ich gemerkt: Nein. Und so bin ich dann tatsächlich in dem Alter der Lebensmitte noch Mutter geworden. Und das war für mich die große Wendezeit. Und ich hab es nie bereut. Ich bin durch das Kinderhaben kreativer geworden. Ich habe da erst angefangen, Bücher zu schreiben. Ich hatte auch plötzlich den Eindruck, dass ich etwas zu sagen habe, etwas, was mit dem Leben und mit der Praxis zu tun hat.”
Auch in Irene Dunkleys Leben gab es in der Mitte eine Zäsur. Auch sie spricht von einem Leben davor und danach. Allerdings hat sie sich das neue Leben im Gegensatz zu Irene Kummer nicht ausgesucht.
Es blieb ihr nichts anderes übrig, als es anzunehmen. Die Lehrerin hatte überhaupt nicht vor, etwas an ihrem Leben zu ändern. Im Gegenteil. Zwölf Umzüge hatte sie organisiert. weil ihr Mann als Militärattaché ständig versetzt wurde. Mit vierzig freute sie sich auf eine ruhigere Phase mit ihm und den beiden Söhnen. Doch daraus wurde nichts. Ihr Mann erlebte – ganz wie Jurek Beckers Held Simrock – eine klassische Midlife-Crisis. Nach 16 Jahren Ehe kündigte er seinen Job, verliebte sich in eine 15 Jahre jüngere Frau und verließ die Familie:
“Die ersten Anzeichen habe ich sicherlich gemerkt als mein Mann aus dem Golfkrieg zurückkam, aus dem ersten Golfkrieg – Anfang der 1990er-Jahre – und einfach verändert war. Dann beruhigt sich manches wieder, und man fällt in so einen gewissen Trott. Aber ich würde doch sagen: Das war so der erste Moment wo ich manchmal zweifelte, ob man das auf Dauer schaffen wird, zusammenzubleiben. Wir hatten früher sehr viele Gedanken geteilt. Und es schien so, als ob nach dem Krieg es irgendeine Kammer gab bei ihm, in die ich nicht mehr kommen konnte, und das war sicherlich dann der Anfang.”
Erst hatte sie eine riesige Wut im Bauch. Sie dachte, sie hätte die größten Turbulenzen hinter sich, und sehnte sich nach Ruhe. Stattdessen saß sie plötzlich ohne Job und ohne Wohnung da und war alleinerziehende Mutter von zwei pubertierenden Söhnen.
Nach der Wut kam die Enttäuschung. Und dann die Resignation, als ihr klar wurde, dass er nicht zurückkommen würde: “Mein Gott, jetzt muss ich wieder so kämpfen, ich dachte doch gerade, jetzt setteln wir langsam und fangen ein normaleres Leben an. Es gab da schon Momente.wo ich dachte, ich würde daran zerbrechen.”
Vier Jahre ist es jetzt her, dass ihr Mann ausgezogen ist. Inzwischen kann Irene Dunkley darüber sprechen. Der größte Schmerz ist vorbei. Die Lektion, die Irene Dunkley in der Lebensmitte gelernt hat. ist. dass ein Lebensplan von einem Tag auf den anderen ungültig werden kann. Dass die Zukunft nie sicher ist. Ihr neues Leben hat sie sich im Wortsinn erarbeitet. Wochenlang hat sie in ihrer neuen Wohnung tapeziert, gehämmert und gestrichen. Sie hat sich ins Leben zuriickgemalt mit der Farbe himmelblau. “Und wo mich die Lebensmitte wirklich traf: Als ich Arbeit suchte. Ich bin Lehrerin. Ich ging an die entsprechende Stelle, und da wurde mir gesagt: Was, Sie sind fast fünfzig! Vergessen Sie es. Und da ging mir erst so richtig auf, dass ich offensichtlich schon so alt war und dass ich keinen Wert mehr hatte in meinem Beruf in diesem Alter. Und das hat mich sehr schockiert. Denn ich habe mein ganzes Leben in diesem Beruf sehr begeistert gearbeitet.”
Im mittleren Lebensalter. schreibt der Psychoanalytiker Heinz Kohut. wird man unabhängiger von der Meinung anderer und freier zur Entfaltung seiner eigenen Ideen und Projekte. Die Unabhängigkeit, die Irene Dunkley heute spürt, hat sie sich nie bewusst gewünscht. Sie wäre bereit gewesen, viel zu opfern, um die Ehe zu retten. Doch sie musste einsehen, dass nichts mehr zu retten war.
Jetzt genießt sie es, ihren eigenen Rhythmus zu leben und spontan Dinge zu tun, die ihren Mann fürchterlich genervt hätten. Es ist nicht die große Freiheit. es sind mehr die Kleinigkeiten, sagt sie: “Ich entscheide mich abends um sechs, ach, ich hab heute nichts vor, es ist Samstag Abend und – verdammt – ich bin wieder alleine. Ich gehe in die Oper, und dann setze ich mich in den 1Oer-Bus, fahr Unter die Linden, kaufe mir ein Ticket und sitze in der Oper und habe ganz viel Spaß, das konnte ich früher nicht machen. Ich wohne sehr zentral in Berlin, und die guten Freunde wissen, dass sie klingeln können. wenn im Wohnzimmer Licht an ist. Hier ist ein Theater um die Ecke. da sind Freunde öfter zu Gast. und die haben ihr Auto bei mir vor der Tür geparkt, und dann kommen sie nachts um zehn noch auf eine Tasse Tee oder ein Glas Wein, und das finde ich sehr schön. Das waren alles Dinge, die ich früher nicht machen konnte. Ich bin sicherlich freier jetzt, in vieler Hinsicht kann ich auch mehr zeigen, dass ich politisch in Vielem anders stehe, da bin ich heute freier in den Ansichten, die ich zum Beispiel über Krieg habe, ich bin sehr dezidiert und vielleicht auch aggressiver als ich es früher war.”
Mit Beginn der Lebensmitte, schreibt Heiko Ernst in »Psychologie heute«, kann man sich dem »unbekannten Selbst«, den bislang vernachlässigten Anteilen der Persönlichkeit. zuwenden. Die Lebensmitte bringt die Chance mit sich, neue innere Kraftquellen zu entdecken. Träume können ein wertvoller Wegweiser sein für neue Persönlichkeitsschichten und Themen in der Lebensmitte. Die Schriftstellerin Irene Kummer berichtet von Träumen. in denen Menschen von Station zu Station gehen, und plötzlich taucht jemand auf, der ihnen den Weg weist. Oder sie steigen in die Tiefe hinab und begegnen dort weisen alten Frauen oder Männern. Auch die Schatzsuche ist ein typisches Traumthema. denn in der zweiten Lebenshälfte geht es um den inneren Reichtum.
Generativität« nennen Psychologen den Wunsch. den kommenden Generationen etwas Bleibendes zu hinterlassen. In seinem Buch »Lebenslauf und Lebenskunst« definiert lohn Kotres Generativität als “das Bedürfnis. die eigene Substanz in Formen von Leben und Werk einzubringen, die das Selbst überleben”. Auch die amerikanischen Psychologen Dan P. McAdaros, Holly Hart und Shadd Maruna betonen die Bedeutung der Generativität. Je generativer sich Menschen im mittleren Alter verhalten. so ein Ergebnis ihrer Studien, desto größer ist ihr Selbstbewusstsein und desto gesünder fühlen sie sich. Dabei geht es nicht nurum die Unsterblichkeit durch Kinder. Bücher, Kunst- und Lebenswerke, sondern grundsätzlich um den Wunsch, etwas von den Fähigkeiten und Erfahrungen, die man erworben hat, weiterzugeben. Allerdings muss man aufpassen, dass dieser Wunsch nicht zum Selbstzweck wird. Die Lebensmitte ist auch eine Zeit, um sich von alten Illusionen zu verabschieden.
Davon ist der Architekt und Unternehmensberater Holger Reiners überzeugt. Jetzt sollte man in den Spiegel schauen und sich ganz ehrlich fragen: Wen sehe ich? Holger Reiners hätte gerne einen genialen Architekten gesehen und musste sich eingestehen. dass er das nicht ist: “Ich hab zum Beispiel gedacht, dass ich durch meine Ausbildung irgendwann mal ein wichtiges Gebäude als Architekt bauen würde, und hab dann festgestellt, dass meine Fähigkeiten mehr in der Beratung von Leuten liegen, die bauen wollen, als nun selber den Strich zu ziehen, wie hinterher ein Haus aussehen soll. Ich habe viel mit Architekten zu tun und stelle immer wieder fest, dass sie alle das Gefühl haben, dass in ihnen noch der große Architekt Le Corbusier steckt, den sie doch unbedingt übertrumpfen wollen. Und wenn man ihre Arbeiten anschaut. dann muss man ganz realistisch sagen: Kinder, da kommt ihr nie hin, lasst es doch; bescheidet euch, nehmt Abschied von den Illusionen, sonst geht es schief.”
Er will nicht mehr das große Gebäude schaffen, das in die Geschichte eingeht, Die eigenen Grenzen akzeptieren und nicht verzweifelt versuchen, ein völlig anderer zu sein. Das ist für Holger Reiners das entscheidende Thema der Lebensmitte: “Derjenige, der mit vierzig meint, er müsste noch den Marathon mitmachen, der macht sich was vor, weil es einer riesigen Anstrengung bedarf, das zu trainieren. Oder viele glauben immer noch, sie würden den riesigen Karrieresprung machen. Jeder Autor glaubt, irgendwann das Riesenbuch zu schreiben. das dann irgendwann die riesigen Erfolge hat. Doch irgendwann ist es gut. sich mit dem zu bescheiden, was man hat. Ohne sich zu begnügen. Das heißt ja nicht, dass man, wenn man bescheidener wird, alle Ziele aufgibt, sondern dass man versucht. die Ziele einfach realistischer abzustecken, weil dann auch die Gefahr, in das zu dünne Eis einzubrechen, viel geringer ist.”
Ab vierzig wird der Horizont enger. Die Zeit die noch bleibt, einen Traum zu verwirklichen, wird kürzer und kostbarer. Der Körper reagiert empfindlicher auf Exzesse. Der Stellenmarkt in der Zeitung spricht eine deutliche
Sprache. Bevorzugt werden junge, dynamische Draufgänger. Und die Zeit scheint zu rasen.
Holger Reiners hatte sich die Konfrontation mit der Endlichkeit dramatischer vorgestellt, aufrüttelnder. Wer sich klar macht dass die erste Hälfte des Lebens vorbei ist, der muss vor Ideen überschäumen. dachte er: “Ich hatte mir vorgestellt. dass noch mal ein neuer Schwung von Kreativität einsetzt.Was man mit demLeben eigentlich machen könnte. Ich habe mch umgehört bei meinen Altersgenossen und stellte fest, dass die Veränderung der Lebensspur nur wenige Grade sind. Und das hat mich sehr erschreckt. Dass einem nicht plötzlich, wenn man einen Freiheitsgrad erreicht hat, vielleicht auch sogar finanziell, dass man dann Hurra schreit und sagt Jetzt erfülle ich mir den Lebenstraum, so wie andere um die Welt segeln. Mir ist so was nicht eingefallen.”
Dennoch hat Holger Reiners die Weichen sachte neugestellt. Er trifft sich nur noch mit Menschen, die ihm wichtig sind, und sagt nur noch ja zu Aufträgen, die ihn wirklich interessieren: “Ivh habe einiges geändert. Ich habe zum Beispiel geändert, dass ich mich nicht mehr an die klassischen Vorbilder von Arbeitsauffassung und Arbeitszeit halte. Wenn draußen Sonnenschein ist, gehe ich bewusst vormittags eine Stunde raus, und die hänge ich dann eben abends dran, wenn es dunkel ist, das hätte ich mich vor zehn Jahren nicht getraut.”
Den inneren Frieden, den er zunehmend in sich spürt, hat Holger Reiners in seinem Buch über die Lebensmitte genauer beschrieben. Es heißt “Best Age”. Darin erläutert er auch seine Skepsis, wenn Menschen die Vorstellung haben, irgendwann komme ein großer Schnitt, und dann könne man endlich das machen. was man immer machen wollte. Dinge, die einem wichtig sind, meint er, sollte man nicht auf später verschieben. Die Zukunft hat ihre Wurzeln immer in der Gegenwart: “Meine Erfahrung ist, dass es in der Lebensmitte einen kritischen Punkt gibt, nämlich den, dass man sich um seine sozialen Verantwortungen und um seine sozialen Kontakte bemühen muss. Wer sehr stark beruflich eingespannt ist verschiebt so etwas gerne auf die Zeit nach der Pensionierung, sagt sich: Dann habe ich Zeit Sport zu machen, dann habe ich Zeit mit meinen Freunden zu wandern, aber bis dahin muss ich dafür nichts tun. Das ist ein ganz großer Irrtum. Denn mit 65 plötzlich zu sagen: Jetzt muss ich mir mal einen Freundeskreis aufbauen, da werden die alle sagen: Die letzten zwanzig Jahre hast du uns negiert, und jetzt, wo du nichts zu tun hast, willst du kommen, jetzt ist es zu spät. Der Zeitpunkt dafür ist mit fünfzig schon sehr spät aber es ist noch die letzte Gelegenheit diesen Aspekt des Lebens zu bedenken, nämlich: Wie sollen später meine sozialen Begegnungen sein, wer sind dann meine geistigen Austauschpartner, wo hab ich die eines Tages? Im Beruf sind sie dann alle weg.”
Die Lebensmitte ist eine Phase der Verwandlung, glaubt Irene Kummer. Es ist wie im Märchen. Wenn der Held die Priifungen bestanden hat und verwandelt zurückkommt kann er die anderen beschenken: “Weil wir in unserer Gesellschaft so viel älter werden, ist es wichtig, dass der Sinn dafür wächst. dass wir diese Übergänge brauchen, dass wir nicht wachsen können in einer hyperadrenalisierten Gesellschaft. Das ist das Geschenk, dass wir, wenn wir diesen Übergang ernst nehmen, auch ein Slück als Verwandelte wiederkommen können und dann auch der Gesellschaft andere Qualitäten zu geben vermögen.”

