Wie gut ist Ihre Beziehung zum Geld?
Gehören Sie zu jenen Menschen, die sagen: “Geld interessiert mich nicht”?
Oder glauben Sie: “Geld verdirbt den Charakter und macht nicht glücklich”?
Wir alle haben ganz bestimmte Glaubenssätze über das Geld entwickelt, die unsere Beziehungen zu Cent und Euro deutlich beeinflussen. Ob wir sparsam sind, ob wir Verdientes sofort wieder ausgeben oder niemals genug davon bekommen – unser Umgang mit dem “lieben Geld” verrät viel über unsere Persönlichkeit.
erschienen in: Psychologie Heute 11/2008
Text: Birgit Schönberger
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Ich bin tatsächlich dahingekommen, das Geld als ein persönliches Wesen aufzufassen, zu dem man eine ausgesprochene und in meinem Falle qualvolle Beziehung hat. Mit Ehrfurcht und Entgegenkommen könnte man es vielleicht gewinnen, aber durch liebevolle Gleichgültigkeit verdirbt man’s vollständig mit ihm. Und das muss ich getan haben. Ich ließ es kommen und gehen, wie es gerade kam und ging. Als ich dann merkte, dass es anfing, sich immer feindlicher gegen mich zu stellen, habe ich es gelockt, bin ihm nachgelaufen, aber es war schon zu spät – es wollte mich nicht mehr.”
So klagt die Ich-Erzählerin in Franziska Gräfin zu Reventlows autobiografischem, 1916 veröffentlichtem Buch Der Geldkomplex (Oesch, 2001).
Um sich von ihrem selbst diagnostizierten Geldkomplex heilen zu lassen und auf eine in Aussicht stehende Erbschaft zu warten, begibt sie sich in ein teures Sanatorium, wo sie auf allerlei Bankrotteure, Spekulanten, versoffene Adlige und andere verkrachte Existenzen trifft. Auch wenn ihre Klagen aus dem Luxuspavillon wie ein Echo einer fernen, dekadenten Epoche klingen: Das Gedankenspiel der Romanheldin, Geld als ein Wesen zu betrachten, mit dem man eine glückliche, verkorkste, leidenschaftliche oder nüchterne Beziehung hat, ist auch knapp hundert Jahre später noch hochinteressant.
Denn jeder – egal ob er sich zu den Reichen, Wohlhabenden, den Gerade-so-über-die-Runden-Kommenden oder den armen Schluckern zählt – hat seine ganz eigene Beziehungsgeschichte mit dem unsichtbaren und geheimnisvollen, oft herbeigesehnten, manchmal verfluchten Lebenspartner namens Geld, der sich, scheinbar unerklärlichen Gesetzmäßigkeiten folgend, mal rar macht, mal überraschend potent auftaucht und immer wieder Druck ausübt.
Die bloße Erwähnung des Wortes Geld kann Sorgenfalten auf der Stirn, sehnsüchtiges Augenverdrehen, verächtliches Grinsen oder eine stolz geschwellte Brust provozieren, Triumphgefühle wecken oder Versagens- und Verarmungsängste schüren.
Je nach gefühlter finanzieller Lage und innerer Einstellung. Geld lässt niemanden kalt, egal wie viel oder wenig er davon zur Verfügung hat. Die Münzen und Scheine sind emotional hochaufgeladen und stehen für Sicherheit, Anerkennung, Macht, Lebensqualität, Autonomie, Wahlfreiheit, Erfolg und Kontrolle über die eigenen Lebensbedingungen.
In einer monetarisierten Gesellschaft, in der fast alle Austauschbeziehungen über Geld abgewickelt werden, kann es sich niemand leisten, kein Verhältnis zu dem Stoff zu haben, aus dem unsere Transaktionen sind. Der Satz “Geld interessiert mich nicht” bedeutet in letzter Konsequenz: “Ich interessiere mich nicht für meine Lebensgrundlage.”
In der Art und Weise, wie jemand mit Geld umgeht, kommt die Persönlichkeit mit allen unbewältigten lebensgeschichtlichen Traumata und Konflikten zum Ausdruck”. sagt Rolf Haubl, stellvertretender Direktor des Sigmund Freud-Instituts in Frankfurt am Main.
Da Geld nur durch andere Menschen zu uns fließt, sind alle Probleme, die wir mit Geld haben, im Kern Beziehungsprobleme.
Dieser Zusammenhang ist uns im Alltag kaum bewusst, weil wir unser Einkommen als eine abstrakte Zahl auf dem Kontoauszug wahrnehmen und durch Onlinebanking, Kartenzahlung und Internetshopping den sinnlichen Bezug zu Geld mehr und mehr verlieren. Der individuelle Umgang mit den Finanzen ist für Rolf Haubl ein Spiegel, der die Licht- und Schattenseiten einer Person, ihre Konflikte mit sich selbst und anderen reflektiert.
Über viele Jahre hat der Psychologe, der psychoanalytische Sozialpsychologie an der Frankfurter Universität lehrt, die psychosoziale Bedeutung des Geldes erforscht, Selbsterfahrungsgruppen zum Thema “Mein persönlicher Umgang mit Geld” geleitet und mit unterschiedlichen Zielgruppen gearbeitet.
Haubl hat unter anderem mit kaufsüchtigen Frauen, überschuldeten Männern und mit Paaren gearbeitet, die regelmäßig Streit ums Geld hatten. Eine zentrale Erkenntnis ist: Um souverän mit Geld umzugehen, reicht es nicht aus, über Zinsen, Anlagemöglichkeiten, Börsenkurse und Budgetplanung Bescheid zu wissen und Haushaltsbücher zu führen.
Das Wissen darüber, wie Zins und Zinseszins funktionieren, kann zwar davor schützen, sich heillos zu verschulden. So hat sich gezeigt, dass ein großer Teil der überschuldeten Erwachsenen, die Rolf Haubl und seine Kollegen befragt haben, das Prinzip der Zinstilgung nicht verstanden hatte. Doch das kognitive Erfassen finanzieller Gesetzmäßigkeiten ist noch keine Garantie für einen geglückten Umgang damit. “Monetäre Kompetenz verlangt auch emotionale Fähigkeiten, zum Beispiel die Selbsterkenntnis, wie Geld in den eigenen Gefühlshaushalt eingreift”, sagt Haubl.
Ein chronisch überzogenes Konto, das Gefühl, finanziell immer zu kurz zu kommen, zwanghafter Geiz, übertriebene Verarmungsängste, die Unfähigkeit als Selbständiger, einen guten Preis für die eigene Leistung zu fordern, und andere Probleme haben ihre Wurzel nur selten in mangelndem Wissen über Finanzmanagement.
Das bestätigt auch die ehemalige Unternehmensberaterin Petra Bock, die als Coach in Berlin arbeitet und den psychologischen Geldratgeber Nimm das Geld und freu dich dran. Wie Sie ein gutes Verhältnis zu Geld bekommen (Kösel 2008) veröffentlicht hat.
Ihre Erfahrung ist, dass Finanztipps nichts nutzen, solange jemand ein schlechtes oder ambivalentes Verhältnis zu Geld hat, am liebsten wegschaut oder in eingefahrenen Verhaltensmustern verharrt.
Ein gewisses Grundverständnis, wie das Tauschmittel Geld funktioniert, und ein Basiswissen über Anlagemöglichkeiten hält sie für unerlässlich. Der entscheidende Schlüssel zu einem souveränen Umgang mit Geld liegt ihrer Ansicht nach jedoch in der Erforschung der verinnerlichten Glaubenssätze über Geld und der damit verbundenen Gefühle.
Rolf Haubl nennt das “Reflexion über den eigenen Geldstil”. In seinen Geldgruppen legte er große Zettel mit kollektiven Spruchweisheiten in die Mitte: “Geld verdirbt den Charakter”, “Beim Geld hört die Freundschaft auf’, “Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt die Nerven”, “Spare in der Zeit, dann hast du in der Not”, “Schulden halten wach” …
Die Alltagssprache liefert eine unendliche Fülle von Aussagen über “den schnöden Mammon”, wahlweise den Zaster, die Kohle, die Mäuse. Die Teilnehmer sollten spontan den Satz wählen, der ihre persönliche Überzeugung am besten beschrieb, oder eine eigene Formulierung wählen.
Die Erfahrung zeigt: Wir alle haben mindestens eine Geldbotschaft unserer Eltern verinnerlicht, die in der Kindheit prägend war und an der wir uns im Erwachsenenalter immer noch bewusst oder unbewusst orientieren. Was wir uns als Kinder bei den Eltern abgeschaut haben, beeinflusst dauerhaft unser eigenes Geldverhalten.
“Natürlich ist das, was Kinder von ihren Eltern über Geld hören, prägend. Allerdings darf man nicht davon ausgehen, dass sie schlicht und einfach das übernehmen, was sie hören “, sagt Rolf Haubl.
Für weitaus prägender als das, was Eltern über Geld sagen, hält Haubl das, was sie verschweigen. “Empirische Studien beweisen, dass Geld immer noch ein Tabuthema in Familien ist. Entweder weil zu viel oder weil zu wenig da ist. Oftmals vermittelt sich das, was die Eltern den Kindern eigentlich vorenthalten wollen, viel stärker als das, was sie tatsächlich sagen.”
Anders ausgedrückt: Es sind vor allem Ambivalenzen, die langfristig weiterwirken.
Die Widersprüche zwischen den geäußerten Ansichten über Geld und der tatsächlich gelebten Haushaltspraxis lassen sich etwa am Beispiel Taschengeld gut verdeutlichen. Wenn nach den ersten Gelderinnerungen gefragt wird, spielt das Taschengeld eine zentrale Rolle. Wer hat es verteilt? Wann? In welcher Form? Wie wurde die Höhe begründet? Welche Auflagen waren damit verbunden?
Die meisten Eltern verknüpfen das Taschengeld mit Doppelbotschaften. Sie sagen: Du kriegst jeden Monat fünf Euro und darfst damit machen, was du willst.
Wenn die Tochter dann mit Süßigkeiten und Glitzerschmuck und der Sohn mit Fußballbildchen nach Hause kommt, heißt es: Gib das Geld doch nicht für so einen Quatsch aus! “Diese Widersprüchlichkeiten im Umgang mit Geld, die Eltern selbst oft gar nicht bemerken, sind womöglich prägender als das, was sie in der Gelderziehung vermitteln”, sagt Rolf Haubl.
Grob gesagt gibt es zwei Möglichkeiten, auf den Geldstil der Eltern und ihre Einstellung zu reagieren: Man will auf keinen Fall so knauserig, verschwenderisch, materialistisch oder sicherheitsfIxiert werden wie Mama und Papa und tut alles, um sich von dem, was sie vorgelebt haben, abzugrenzen. Oder man macht es später genauso und übernimmt den Geldstil der Eltern, weil er sich bewährt hat.
Natürlich gibt es zwischen totaler Ablehnung und kritikfreier Kopie noch viele andere Varianten. Die beiden Extremformen sind jedoch sehr verbreitet.
Walter Schmidt kommt aus einer Familie, in der jeder Pfennig zweimal umgedreht werden musste. Wöchentlich tagte der Familienrat und plante minutiös die Aufteilung des Haushaltsbudgets. Als Kind fand er es beschämend, dass ständig über Knappheit geredet wurde und er bei Freizeitaktivitäten mit seinen Freunden nicht mithalten konnte.
Walter Schmidt schwor sich, später niemals im Mangel zu landen. Mit seiner Frau und den Kindern lebte er einen krassen Gegenentwurf. Über Geld wurde nicht gesprochen. Geld war angeblich immer da. Er schuf ein Klima des Überflusses, losgelöst von der tatsächlichen finanziellen Realität, und schöpfte immer noch aus dem Vollen, als er schon längst arbeitslos geworden war.
Ein anderer Mann aus Rolf Haubls Gruppen traktierte seine Frau und die Kinder, indem er von ihnen Rechenschaft über jeden Cent forderte und sie ständig kontrollierte. In seiner Herkunftsfamilie hatte er den engen Zusammenhalt, der durch die Geldknappheit gepflegt wurde, als stabilisierend und gemeinschaftsfärdernd erlebt. Aus Loyalität gegenüber der Lebensleistung seiner Eltern trat er in seiner eigenen Familie weiter als kleinkarierter Buchhalter auf, obwohl er hervorragend verdiente und es keinerlei Notwendigkeit gab, jeden Cent zu protokollieren.
Das Motiv, die Eltern finanziell nicht überflügeln zu wollen oder zu dürfen, taucht in Psychotherapien regelmäßig auf. Viele Menschen, die aus dem finanziellen Rahmen, den die Eltern gesteckt haben, herausgewachsen sind und Berufe ergriffen haben, in denen sie deutlich mehr verdienen, quälen sich mit einem inneren Verbot und haben ein Problem damit, ihr Herkunftsmilieu zu verlassen und sich mehr Wohlstand zu erlauben. Sie geraten in Loyalitätskonflikte und entwickeln unbewusst Strategien, ihr Geld schnell zu vernichten, damit es nicht sichtbar wird. Frauen tun sich besonders schwer mit dem Aufstieg. Ein Grund dafür ist, dass Mädchen immer noch eher zu Bescheidenheit erzogen und für Sparsamkeit gelobt werden, während bei Jungen von vornherein Wert darauf gelegt wird, dass sie später gut verdienen.
Frauen behaupten wesentlich häufiger als Männer: “Ich kann ganz schlecht mit Geld umgehen”, oder: “Geld ist nicht meine Welt.” Eine Frau, die sich “gut verkaufen” kann, gilt schnell als eiskalt und karrieregeil und provoziert eher Naserümpfen als Bewunderung.
Auf der weiblichen Werteskala rangieren Beziehungen ganz oben. Frauen fürchten Geld als Beziehungskiller und geben sich lieber mit weniger zufrieden, um die Harmonie nicht zu gefährden.
Petra Bock nennt in ihrem Buch drei Grundmuster, auf die sich ihrer Ansicht nach alle Geldprobleme zurückführen lassen:
1. Ich habe es nicht verdient, Geld zu haben oder zu genießen.
2. Ich bin nicht gut genug, um genügend Geld zu verdienen oder Wohlstand aufzubauen.
3. Die Welt ist schlecht. Andere, das Leben, die allgemeine oder wirtschaftliche Lage lassen es nicht zu, dass ich Erfolg habe und zu Geld komme.
Nach Ansicht von Bock gibt es keine reinen Geldprobleme. Die Probleme, die wir im Umgang mit den Finanzen haben, zeigen sich auch in anderen Bereichen unseres Lebens.
In ihrer Praxis beobachtet Petra Bock, dass Menschen, die mehr ausgeben, als sie einnehmen, auch mit anderen Ressourcen verschwenderisch umgehen: mit ihrer Zeit, ihrer Arbeitskraft, ihrer Gesundheit. Umgekehrt gilt: Wer mit Geld geizt, ist oft auch in anderen Bereichen knauserig. Zum Beispiel mit Zärtlichkeit, Komplimenten oder Hilfsangeboten.
Weil unsere Geldmuster eine lange Geschichte haben und tief in uns verankert sind, können wir sie auch nicht im Handumdrehen verändern, wie eine Flut von esoterischen Geldratgebern uns weismachen will. Über Fülle zu meditieren und täglich vor dem Spiegel das Mantra “Ich bin reich” zu wiederholen hat noch keinen reich gemacht. Um ein dauerhaft gutes Verhältnis zu Geld zu entwickeln, ist schon ein bisschen mehr Arbeit nötig, die sich jedoch langfristig auszahlt.
Davor drücken können wir uns nicht, weil Probleme mit Geld uns wertvolle Energie kosten und unser Fundament erschüttern. Geld gilt als sichtbarer Beweis dafür, dass wir leistungsfähig sind und uns auf dem Markt positionieren können. Gelingt uns dieser Nachweis nur schlecht oder gar nicht, fühlen wir uns als Versager.
Neben der individuellen Lebensgeschichte, die den persönlichen Geldstil prägt, spielt auch der kollektive Geldstil eine wichtige Rolle. Bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts dominierte das Ideal der Sparsamkeit. “Heute haben wir das Ideal der kalkulierten Risikobereitschaft”, beschreibt Rolf Haubl den herrschenden Geldstil.
Gleichzeitig hat sich auch das Leistungsideal verändert. In der Nachkriegszeit wurde Leistung mit Schweiß und Anstrengung gleichgesetzt. Mittlerweile wurde das Leistungsideal “Ich arbeite für mein Geld” abgelöst von der Devise “Mein Geld arbeitet für mich”.
Der Berliner Psychotherapeut Wolfgang Krüger glaubt, dass wir ein pubertäres Verhältnis zum Geld haben, weil wir es extrem überhöhen und gleichzeitig tabuisieren und uns ständig Illusionen darüber machen. “Geld ist hochemotional besetzt, aber wir haben keine realistische Einstellung dazu. Um sie zu gewinnen, müssten wir das Geld entzaubern, offen darüber sprechen und ihm die Rolle zuweisen, die es hat, näm1ich Mittel zur Lebensbewältigung zu sein. Nicht mehr und nicht weniger.”
So wie die Liebe eine Kunst ist, die es zu lernen gilt, sei auch der Umgang mit Geld ein ständiger Lernprozess.
Rolf Haubl plädiert dafür, das Thema Geldkompetenz so früh wie möglich in den Unterricht zu integrieren. In seinen Augen ist Geld eine Kulturtechnik wie Lesen, Schreiben und mit dem Computer zu arbeiten. Kinder müssten zum einen lernen, wie man mithilfe seiner Talente Geld verdient, und gleichzeitig verstehen, dass Geld ein Medium und kein Ziel ist und dass es Werte gibt, die sich nicht in Geldwert transferieren lassen. Zur Geldkompetenz gehöre auch, über soziale Ungerechtigkeiten zu diskutieren und zu wissen, dass eine Wahrnehmung, die sich selbst und andere nur danach beurteilt, wer wie viel auf dem Konto hat, zynisch, einsam und emotional arm macht.
Die gute Nachricht für Erwachsene ist: Es ist nie zu spät, den eigenen Geldstil zu reflektieren. Petra Bock ist überzeugt davon, dass jeder seinen Umgang mit Geld verbessern kann. Mit Beharrlichkeit, in kleinen Schritten. Sie vergleicht es mit Fitnesstraining. Nur wer ständig dranbleibt, kann die Erfolge genießen.

